Zeit für ein Fazit

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Ich sitze in der Medizinzentrale im Olympischen Dorf und habe Dienst. Die Feierlichkeiten von der Nacht davor habe ich ganz gut überstanden. Die Mädels haben den ersten Teil ihrer Medienrunde absolviert. Gestern haben wir uns alle im Deutschen Haus gesehen, aber zum Reden reichte es nicht. In der letzten Nacht wurde dann Alison in strömendem Regen endlich Olympiasieger, nachdem er 2012 gegen Jonas und Julius verloren hatte. Entsprechend überschwänglich feierte er das bereits im Stadion ab und ließ seinen Tränen freien Lauf. Der Wettbewerb ging also mit der von Brasilien so ersehnten Goldmedaille im Beachvolleyball zu Ende.

Das Fazit der Spiele kann man für uns Beachvolleyballer jetzt ziehen. In einem großartigen Stadion, aus dem wunderbare Bilder um die Welt gingen, waren wir vorne dabei. Soweit so gut. Und die Brasilianer, die zwar viele Soldaten mit Gewehren postiert haben, aber die Sicherheit in unserem Sinne nicht gewährleiten können, haben Recht behalten: es ist nichts beim Beachvolleyball sicherheitsrelevantes passiert.

Im Vergleich mit verschiedenen Turnieren der Weltserie oder früheren Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen waren die Funktionsbereiche, wie Spielerbereich, Physiotherapiebereich etc. unterdimensioniert, lieblos, freudlos, aber vorhanden. Die Organisation des Events durch den Weltverband funktionierte reibungslos, und wenn es einmal hakte, ließ sich eine Lösung meistens flexibel und spontan finden.

Sportlergerechte Ernährung war am Spielort nicht zu bekommen, die Fahrtwege waren lang und damit die Belastung höher als normal. Dennoch ist das Beachvolleyball-Event erfolgreich durchgeführt worden.

In Schulnoten würde ich ein ausreichend vergeben. Und das trifft so ziemlich auf alles zu, was hier im Zusammenhang mit Olympia zu sagen ist. Es reicht für die vorgegebenen Anforderungen, aber es ist lieblos und schlampig gemacht. Man kann hier wohnen, aber man wartet ungern 5 Minuten darauf, dass die Dusche warm wird. Man freut sich, dass ab und zu sauber gemacht wird, aber wenn der Toiletteneimer nicht täglich, sondern teils alle 5 Tage geleert wird, wenn nicht mit Wasser gewischt wird, sondern die Fußboden Reinigung daraus besteht, dass aus einer Handsprühflasche ein stark parfümiertes Reinigungsmittel versprüht und dann mit einem Tuch breitgewischt wird, wenn der Besen, mit dem eben gefegt wurde, dann mit einem Tuch umwickelt wird, mit dem man das Reinigungsmittel verteilt, dann entspricht das nicht unseren Ideen von Hygiene und Sauberkeit. Wenn das Essen zwar da ist und es auch verschiedene Optionen gibt, diese sich aber kaum abwechseln, und wenn der Geschmack nicht dem Aussehen und den Erwartungen entspricht und man einfach nicht gerne zum Essen geht, dann ist das ausreichend, mehr nicht.

Wenn die längste Schlange bei McDonalds ist und Sportler eine Stunde Wartezeit in Kauf nehmen, weil sie endlich wieder einen Geschmack erleben möchten, den sie kennen, dann spricht dass nicht für Rio2016.

Doch alles hat auch eine Kehrseite. Der einzelne Spitzensportler aus den bekannteren Sportarten mag auf der Welt unterwegs sein und bessere Unterkünfte, besseres Essen etc. kennen und schätzen gelernt haben, für einen großen Teil der Weltbevölkerung und auch für einen großen Teil der brasilianischen Bevölkerung ist ausreichendes Essen mit Auswahl, ein sicherer Schlafplatz und sauberes Wasser eine Illusion. Wenn Touristen an der Straße nach dem Essen um die Reste des Essens auf dem Teller gebeten werden, weil der Bittsteller einfach Hunger hat, dann macht das schon betroffen. Wenn man nichts zu verlieren hat, wird man rücksichtslos. Und so erklären sich auch die hohe Kriminalität und die Gewaltbereitschaft in bestimmten Teilen der brasilianischen Bevölkerung. Wenn man sieht, wie sich hier Sportfunktionäre gebärden wie Staatschefs und mit Fahrzeugen mit Stander durch die Gegend fahren lassen, sich um die Qualität des Autos streiten, ob ein Audi A3 oder eine Nissan ausreicht oder ob es doch eine Mercedes S-Klasse sein muss, dann entbehrt das jeder Logik und widerspricht natürlich dem Gedanken von Nachhaltigkeit. Und dieses Gehabe, wer wichtiger ist und mehr hofiert wird, wer zum Fahrzeug auch eine Polizeieskorte bekommt, wer neben seiner Frau auch noch persönliche Referenten etc. mitbringt, das ist aus meiner Sicht weder angemessen noch notwendig. Während ein Teil der Brasilianer quasi nichts hat, wird, so wird es zumindest empfunden, den Gästen eine Luxusleben ermöglicht. Dass das auf Unverständnis trifft, ist gut zu verstehen. Und dass dann auch die ärmere Bevölkerung einen Anteil haben möchte, und sich diesen auch einmal direkt selbst holt (siehe Polizeinachricht vor einigen Tagen), ist nur logische Konsequenz.

Die Bilder, die um die Welt gehen, sind beeindruckend, in jeder Hinsicht, und da alle Athleten ein nagelneues Supersmartphone mit Kamera bekommen haben und der Internetzugang hier gratis ist, werden diese und viel mehr interne Bilder den Weg in die Netzwerke finden. Und so werden Illusionen transportiert, und keine differenzierten Wahrheiten. Der Blick hinter die Kulissen ist möglich, aber er wird verdeckt durch die riesige Menge an Bildern und belanglosen Informationen, die hier aus Rio die Welt überschwemmen.

Und noch eines möchte ich los werden. Das IOC hat die Ausrichtung der Spiele mit ca. 1,5 Milliarden US$ unterstützt, wobei die eigentlichen Durchführungskosten auf 1,8 Milliarden geschätzt werden. Die baulichen Veränderungen, sofern sie Sportstätten und Unterkünfte betreffen, kommen entweder in eine Folgenutzung oder werden abgebaut. Z.B. wird an der Copacabana in einigen Wochen nichts mehr an Rio 2016 erinnern. Nach den Paralympics werden auch die Rio 2016 -Aufschriften und die grünen Linien auf den Straßen verblassen und es bleiben die durch die Olympischen Spiele veranlassten Infrastrukturveränderungen, die für Rio durchaus einen Gewinn darstellen.

Für alle, die gegen Hamburg 2024 gestimmt haben: Rio hat einen Eigenaufwand für die Spiele in Höhe von 300 Millionen US$, denen keine Substanz gegenübersteht. Alle anderen Kosten, wie die für das Dorf, die Sportstätten, Bahnlinien und Straßen rechnen sich als gigantisches, weitgehend fremdfinanziertes, Stadtentwicklungsprogramm. Hamburg hat die historische Chance verpasst, über 5 Milliarden Euro für unsere Stadt zu bekommen, weil eine Bürgerschaft, die sich eigentlich als Volksvertreter verstehen, es nicht fertig gebracht hat eine über 90%-ige Zustimmung der Politiker in eine Entscheidung umzusetzen, die der Stadt wesentlich zu gute gekommen wäre. Wenn man aus für mich nicht nachzuvollziehenden Gründen eine Abstimmung macht und verliert, dann wäre es konsequent, wenn die in ihrer Entscheidung nicht bestätigten Volksvertreter daraus den Schuss ziehen würden, dass sie eben derzeit nicht das Volk vertreten. Und dann muss man ernsthaft über die Berechtigung nachdenken, Entscheidungen für die Bevölkerung zu treffen.

Ich kann nur sagen, meine jetzt vierte Teilnahme an den Spielen hat mir wieder gezeigt, dass der Sport, die Idee der Spiele für die Welt, eine riesige Geldmaschine ist, von der man durchaus profitieren kann, wenn man es clever anstellt. Dass man dafür auch vergleichsweise kurzfristige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen muss, wie die untragbare Verkehrssituation für die „Normalbürger“, die keine Olympia-Lane fahren dürfen, und sich nun im Dauerstau befinden, wie überbordende Präsenz von Sicherheitspersonal mit scharfen Waffen in gesamten Stadtgebiet, okay. Das gilt für 4 Wochen und es ist eine Kröte, die man schlucken muss.

Was bleibt sonst noch von den Spielen in Rio? Weitere gut 450 Athleten dürfen sich Olympiasieger nennen, und diesen Titel behalten sie ein Leben lang. Für viele ist dieser Titel ein Türöffner im weiteren Leben, der Vorteile bringt.

Das Olympische Dorf, von dem am kommenden Montag die große Abreisewelle startet, dürfte nach den Paralympics seinen neuen Bewohnern übergeben werden. Und dann gehe ich davon aus, wird es nicht lange dauern, bis das Mahnmal für die Toten der Olympiabewegung und die Hauswände von Grafiti überzogen werden, die Teiche vermüllen und die Springbrunnen abgebaut sind und sich die flachen Teiche zu Brutnestern von Mückenheerscharen entwickeln. Eigentlich würde es mich interessieren, wie die Dörfer aussehen, in denen ich in Athen, Peking und London wohnen durfte.

Ich mache mich heute noch ins Maracana-Stadion auf und schaue das Frauenfußball-Finale gegen Schweden. Das wird meine zweite und letzte Sportveranstaltung sein, die ich sehen kann. Das olympische Feuer sehe ich, wie fast alle Athleten nie, ich weiß nicht einmal, wo es jetzt steht. Und dann beginne ich zu packen, denn übermorgen geht mein Heimflug. Sonntag 14:30 ist die Reise in HH Fuhlsbüttel zu Ende. Was ich dann tun werde? Heimkommen, Post lesen, und endlich mal wieder etwas essen, das schmeckt.

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