Rückreise

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Ich sitze in der Iberia Lounge in Madrid und schreibe.

Nach einem Medaillengewinn und dem Ende des Turniers feiert man und fällt dann in ein Loch. Die Spannung lässt nach und viele im Team werden krank. So auch einige Teammitglieder, die mehr oder weniger stark an Erkältungskrankheiten leiden. Zum Glück ist die Olympiaapotheke darauf gut vorbereitet und ich kann jeden Bedürftigen mit den entsprechenden Medikamenten versorgen.

Die Athleten nutzen die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Turnier für Sponsorenkontakte, Sightseeing, dazu auch mal andere olympische Sportarten zu sehen, manche trainieren weiter, andere hängen einfach durch oder treiben anderen Sport, als ihre eigentliche Sportart. Der Kontakt zu Sportlern anderer Sportarten ist in dieser engen Form nur bei Olympia möglich. Man erkennt sich an der Uniform und kommt beim Essen oder im Fahrstuhl, oder auch im Deutschen Haus in Kontakt.

Für den Mannschaftsleiter ist der Rest des Aufenthaltes geprägt von organisatorischem Tun. Rückreise planen, die mehrmals täglich eintreffenden Infos der Leitung an die Sportler weitergeben, sich um deren Rückreise, Gepäck, Zielflughäfen und Olympiastützpunkte kümmern, klären, wer die Schlüssel einsammelt, da ich ja diesmal nicht als letzter gehe und zwischendurch auch Arzt sein, sich die Sorgen der Spieler(innen) anhören, versuchen Kontakt zu halten, wenn diese ihre Touren machen.

Die letzte Mahlzeit in der Dining Hall ist überraschend, erstmals in den gut 3 Wochen ist das Essen an einer Ausgabestelle so heißt, dass es dampft…

Ich packe meine Sachen, gebe mein Telefon ab und steige in den Bus zum Welcome Center. Dort, wo wir das Dorf betreten haben, verlassen wir es auch wieder. Die gut 3 Wochen sind schnell verflogen und beim Abschied weiß man eigentlich, dass man niemals mehr zurückkommen wird. Olympische Spiele sind flüchtige Ereignisse mit vorübergehender riesengroßer Medienaufmerksamkeit, von denen danach zumindest beim Beachvolleyball nichts bleibt, außer Erinnerungen. Nichts ist so alt wie die Neuigkeit von gestern.

Ein positiver Effekt von den Spielen ist die Tatsache gewesen, dass man aus der Heimat fast nichts mitbekommen hat, sich nicht mit den täglichen Horrornachrichten befassen muss, mit denen man sonst in Funk und Fernsehen und Zeitungen überschwemmt wird. Und man lebt trotzdem. Es fehlt nichts. Bundesligavorbereitung, DFB-Pokal – egal. Terrorismus? Egal? Man kann sich der Nachrichtenflut entziehen und das ist eine spürbare Entlastung. Dagegen ist die permanente Lärmbelastung, sei es durch Musik im Olympischen Dorf, die permanenten Geräusche beim Essen, in den Bussen, die vielen unverständlichen Sprachen und Laute, die „gewaltsame“ Stimmungsmache der Moderatoren beim Beachvolleyball, die Springbrunnen hinter dem Haus im Dorf extrem stressig. Ich bin froh, wenn ich zu Hause mal Ruhe habe, wenigstens für einige Stunden, bevor am Montag der ganz normale Arbeitstag wieder losgeht.

Und ich habe mich auf Essen gefreut, dass irgendwie Geschmack hat, und diesen Wunsch konnte sogar das Essen im Flieger erfüllen. Und alle, mit denen ich sprach, die in Europa leben, hatten den gleichen Wunsch…

Jetzt ruft der Weiterflug zum Aufbruch, die letzte Etappe nach Hamburg. Ich freu mich drauf….

Zeit für ein Fazit

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Ich sitze in der Medizinzentrale im Olympischen Dorf und habe Dienst. Die Feierlichkeiten von der Nacht davor habe ich ganz gut überstanden. Die Mädels haben den ersten Teil ihrer Medienrunde absolviert. Gestern haben wir uns alle im Deutschen Haus gesehen, aber zum Reden reichte es nicht. In der letzten Nacht wurde dann Alison in strömendem Regen endlich Olympiasieger, nachdem er 2012 gegen Jonas und Julius verloren hatte. Entsprechend überschwänglich feierte er das bereits im Stadion ab und ließ seinen Tränen freien Lauf. Der Wettbewerb ging also mit der von Brasilien so ersehnten Goldmedaille im Beachvolleyball zu Ende.

Das Fazit der Spiele kann man für uns Beachvolleyballer jetzt ziehen. In einem großartigen Stadion, aus dem wunderbare Bilder um die Welt gingen, waren wir vorne dabei. Soweit so gut. Und die Brasilianer, die zwar viele Soldaten mit Gewehren postiert haben, aber die Sicherheit in unserem Sinne nicht gewährleiten können, haben Recht behalten: es ist nichts beim Beachvolleyball sicherheitsrelevantes passiert.

Im Vergleich mit verschiedenen Turnieren der Weltserie oder früheren Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen waren die Funktionsbereiche, wie Spielerbereich, Physiotherapiebereich etc. unterdimensioniert, lieblos, freudlos, aber vorhanden. Die Organisation des Events durch den Weltverband funktionierte reibungslos, und wenn es einmal hakte, ließ sich eine Lösung meistens flexibel und spontan finden.

Sportlergerechte Ernährung war am Spielort nicht zu bekommen, die Fahrtwege waren lang und damit die Belastung höher als normal. Dennoch ist das Beachvolleyball-Event erfolgreich durchgeführt worden.

In Schulnoten würde ich ein ausreichend vergeben. Und das trifft so ziemlich auf alles zu, was hier im Zusammenhang mit Olympia zu sagen ist. Es reicht für die vorgegebenen Anforderungen, aber es ist lieblos und schlampig gemacht. Man kann hier wohnen, aber man wartet ungern 5 Minuten darauf, dass die Dusche warm wird. Man freut sich, dass ab und zu sauber gemacht wird, aber wenn der Toiletteneimer nicht täglich, sondern teils alle 5 Tage geleert wird, wenn nicht mit Wasser gewischt wird, sondern die Fußboden Reinigung daraus besteht, dass aus einer Handsprühflasche ein stark parfümiertes Reinigungsmittel versprüht und dann mit einem Tuch breitgewischt wird, wenn der Besen, mit dem eben gefegt wurde, dann mit einem Tuch umwickelt wird, mit dem man das Reinigungsmittel verteilt, dann entspricht das nicht unseren Ideen von Hygiene und Sauberkeit. Wenn das Essen zwar da ist und es auch verschiedene Optionen gibt, diese sich aber kaum abwechseln, und wenn der Geschmack nicht dem Aussehen und den Erwartungen entspricht und man einfach nicht gerne zum Essen geht, dann ist das ausreichend, mehr nicht.

Wenn die längste Schlange bei McDonalds ist und Sportler eine Stunde Wartezeit in Kauf nehmen, weil sie endlich wieder einen Geschmack erleben möchten, den sie kennen, dann spricht dass nicht für Rio2016.

Doch alles hat auch eine Kehrseite. Der einzelne Spitzensportler aus den bekannteren Sportarten mag auf der Welt unterwegs sein und bessere Unterkünfte, besseres Essen etc. kennen und schätzen gelernt haben, für einen großen Teil der Weltbevölkerung und auch für einen großen Teil der brasilianischen Bevölkerung ist ausreichendes Essen mit Auswahl, ein sicherer Schlafplatz und sauberes Wasser eine Illusion. Wenn Touristen an der Straße nach dem Essen um die Reste des Essens auf dem Teller gebeten werden, weil der Bittsteller einfach Hunger hat, dann macht das schon betroffen. Wenn man nichts zu verlieren hat, wird man rücksichtslos. Und so erklären sich auch die hohe Kriminalität und die Gewaltbereitschaft in bestimmten Teilen der brasilianischen Bevölkerung. Wenn man sieht, wie sich hier Sportfunktionäre gebärden wie Staatschefs und mit Fahrzeugen mit Stander durch die Gegend fahren lassen, sich um die Qualität des Autos streiten, ob ein Audi A3 oder eine Nissan ausreicht oder ob es doch eine Mercedes S-Klasse sein muss, dann entbehrt das jeder Logik und widerspricht natürlich dem Gedanken von Nachhaltigkeit. Und dieses Gehabe, wer wichtiger ist und mehr hofiert wird, wer zum Fahrzeug auch eine Polizeieskorte bekommt, wer neben seiner Frau auch noch persönliche Referenten etc. mitbringt, das ist aus meiner Sicht weder angemessen noch notwendig. Während ein Teil der Brasilianer quasi nichts hat, wird, so wird es zumindest empfunden, den Gästen eine Luxusleben ermöglicht. Dass das auf Unverständnis trifft, ist gut zu verstehen. Und dass dann auch die ärmere Bevölkerung einen Anteil haben möchte, und sich diesen auch einmal direkt selbst holt (siehe Polizeinachricht vor einigen Tagen), ist nur logische Konsequenz.

Die Bilder, die um die Welt gehen, sind beeindruckend, in jeder Hinsicht, und da alle Athleten ein nagelneues Supersmartphone mit Kamera bekommen haben und der Internetzugang hier gratis ist, werden diese und viel mehr interne Bilder den Weg in die Netzwerke finden. Und so werden Illusionen transportiert, und keine differenzierten Wahrheiten. Der Blick hinter die Kulissen ist möglich, aber er wird verdeckt durch die riesige Menge an Bildern und belanglosen Informationen, die hier aus Rio die Welt überschwemmen.

Und noch eines möchte ich los werden. Das IOC hat die Ausrichtung der Spiele mit ca. 1,5 Milliarden US$ unterstützt, wobei die eigentlichen Durchführungskosten auf 1,8 Milliarden geschätzt werden. Die baulichen Veränderungen, sofern sie Sportstätten und Unterkünfte betreffen, kommen entweder in eine Folgenutzung oder werden abgebaut. Z.B. wird an der Copacabana in einigen Wochen nichts mehr an Rio 2016 erinnern. Nach den Paralympics werden auch die Rio 2016 -Aufschriften und die grünen Linien auf den Straßen verblassen und es bleiben die durch die Olympischen Spiele veranlassten Infrastrukturveränderungen, die für Rio durchaus einen Gewinn darstellen.

Für alle, die gegen Hamburg 2024 gestimmt haben: Rio hat einen Eigenaufwand für die Spiele in Höhe von 300 Millionen US$, denen keine Substanz gegenübersteht. Alle anderen Kosten, wie die für das Dorf, die Sportstätten, Bahnlinien und Straßen rechnen sich als gigantisches, weitgehend fremdfinanziertes, Stadtentwicklungsprogramm. Hamburg hat die historische Chance verpasst, über 5 Milliarden Euro für unsere Stadt zu bekommen, weil eine Bürgerschaft, die sich eigentlich als Volksvertreter verstehen, es nicht fertig gebracht hat eine über 90%-ige Zustimmung der Politiker in eine Entscheidung umzusetzen, die der Stadt wesentlich zu gute gekommen wäre. Wenn man aus für mich nicht nachzuvollziehenden Gründen eine Abstimmung macht und verliert, dann wäre es konsequent, wenn die in ihrer Entscheidung nicht bestätigten Volksvertreter daraus den Schuss ziehen würden, dass sie eben derzeit nicht das Volk vertreten. Und dann muss man ernsthaft über die Berechtigung nachdenken, Entscheidungen für die Bevölkerung zu treffen.

Ich kann nur sagen, meine jetzt vierte Teilnahme an den Spielen hat mir wieder gezeigt, dass der Sport, die Idee der Spiele für die Welt, eine riesige Geldmaschine ist, von der man durchaus profitieren kann, wenn man es clever anstellt. Dass man dafür auch vergleichsweise kurzfristige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen muss, wie die untragbare Verkehrssituation für die „Normalbürger“, die keine Olympia-Lane fahren dürfen, und sich nun im Dauerstau befinden, wie überbordende Präsenz von Sicherheitspersonal mit scharfen Waffen in gesamten Stadtgebiet, okay. Das gilt für 4 Wochen und es ist eine Kröte, die man schlucken muss.

Was bleibt sonst noch von den Spielen in Rio? Weitere gut 450 Athleten dürfen sich Olympiasieger nennen, und diesen Titel behalten sie ein Leben lang. Für viele ist dieser Titel ein Türöffner im weiteren Leben, der Vorteile bringt.

Das Olympische Dorf, von dem am kommenden Montag die große Abreisewelle startet, dürfte nach den Paralympics seinen neuen Bewohnern übergeben werden. Und dann gehe ich davon aus, wird es nicht lange dauern, bis das Mahnmal für die Toten der Olympiabewegung und die Hauswände von Grafiti überzogen werden, die Teiche vermüllen und die Springbrunnen abgebaut sind und sich die flachen Teiche zu Brutnestern von Mückenheerscharen entwickeln. Eigentlich würde es mich interessieren, wie die Dörfer aussehen, in denen ich in Athen, Peking und London wohnen durfte.

Ich mache mich heute noch ins Maracana-Stadion auf und schaue das Frauenfußball-Finale gegen Schweden. Das wird meine zweite und letzte Sportveranstaltung sein, die ich sehen kann. Das olympische Feuer sehe ich, wie fast alle Athleten nie, ich weiß nicht einmal, wo es jetzt steht. Und dann beginne ich zu packen, denn übermorgen geht mein Heimflug. Sonntag 14:30 ist die Reise in HH Fuhlsbüttel zu Ende. Was ich dann tun werde? Heimkommen, Post lesen, und endlich mal wieder etwas essen, das schmeckt.

Jetzt haben wir fertig…

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Tja, was soll ich sagen, die Copacabana war für einen Abend fest in deutscher Hand.

Nach dem Sieg gegen Agatha/Barbara, die mit dem plötzlich einsetzenden, im Stadion böigen, Wind nicht gut zurecht kamen und nach einem knappen ersten Satz dann den zweiten deutlich abgeben mussten, gab es bei Fans und Spielerinnen kein halten mehr.

Laut singend und nur für die Hymne kurz verstummend, waren alle aus dem Häuschen, wie die Fernsehbilder ja auch zeigten.

Ich geben zu, es war ja nicht mal ein wirklich spannendes Spiel. Zu deutlich dominierten Kira und Laura das Geschehen.

Schon bei 18 Punkten im 2. Satz konnte ich beruhigt die deutsche Fahne herausholen und den Fotoapparat anschalten.

Die Bilder der Mädels mit der Fahne sind dann ja auch um die Welt gegangen.

Die eiligst organisierte Feier in der 23. Etage des Cesar Rio Park Hotel, mit Pool und schönem Blick auf den Strand von Ipanema, begann wegen Medienverpflichtungen und Dopingkontrolle für die Protagonistinnen etwas spät. Während die Feiergemeinde geistigen Getränken zusprach und auf die Medaillen wartete, kam keine Stimmung auf. Die Chill out Musik wirkte eher beruhigend, Änderungswünschen konnten die Betreiber mangels Auswahl nicht entsprechen. Als die Mädels kamen, wurde gekreischt und gesungen, eifrig aufgenommen von den Medien und deren durstigen Vertretern. Während die Vertreter des DVV (Volleyball Verband) allen Teammitgliedern eine Goldmedaille – ein Imitat aus Kunststoff, leicht, aber äußerlich dem Original täuschend ähnlich, überreichte und die geleistete Arbeit würdigten, planten die Fans schon Übles.

Und wie nicht anders zu erwarten landete zunächst Laura in voller Montur im Wasser, dann folgten Fans, Kira, der Verbandpräsident und schließlich holte mich Kira, und wir sprangen, nachdem ich mich weitgehend entkleiden durfte, ins kalte Wasser.

Einige Drinks später verabschiedeten sich die ersten und die Runde löste sich langsam auf. Unser Taxifahrer brachte uns zum Olympischen Dorf, wo wir bei Sonnenaufgang ankamen und vollständig unkontrolliert mit Sack und Pack durchgewunken wurden und alle auf unsere Medaillenimitate schielten. Im Dorf begrüßten mich früh Sport treibende Bewohner und beglückwünschten mich zu Medaille? ! Komischen Gefühl, wenn man mit meiner Statur in meinem Alter für einen Medaillengewinner gehalten wird…

Ein bisschen Schlaf, dann war der Postgang angesagt. Man glaubt kaum, welche Postenträger und Ämter sich plötzlich melden. Ein persönliches Schreiben des Bundespräsidenten, des Innenministers, der lieber zum Supercup im Fußball geht, als die Olympiamannschaft zu besuchen, von Sportverantwortlichen und Politikern aus Stadt und Land der Siegerinnen fühlen sich bemüßigt schriftlich zu gratulieren.

In diesem Zusammenhang danke ich allen, die mir geschrieben haben und vergeblich auf Antworten per SMS, Whatsapp oder Email warten, ich hatte bisher keine Zeit zu reagieren. Und muss auch jetzt zur Pressekonferenz im Deutschen Haus…

Mehr dann morgen…

Wir haben noch nicht fertig…

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Das Halbfinale war nicht leicht, auch wenn es am TV so aussah. Die Vorstartspannung war deutlich zu spüren, schon beim Einspielen.

Auf dem Feld gegen die Mehrheit der Zuschauer und sehr einseitige Moderatoren lief es besser. Schnelle Punkte zum Anfang ließen die Nervosität schnell schwinden. Allerdings war uns Brasilien am Anfang in Bezug auf Aufschlag und Annahme etwas überlegen. Dafür hat Laura die bessere Abwehrarbeit geleistet und auch Kiras Block was besser als der von Talita. Die Führung auszubauen gelang keiner Mannschaft. Im zweiter Drittel des Satzes hatte Brasilien eine gute Phase, aber Kira und Laura konnten zurückfighten und zum Satzende dominieren. Erster Satz für uns- das beruhigte unsere Mädels und setzte die Brasilianerinnen unter noch mehr Druck. Was ihnen gegen die Schweiz gelang, nämlich das Spiel offen zu halten und sogar Matchbälle abzuwehren, dazu bestand heute keine Chance. Im zweiten Satz spielen unsere Mädels frech und selbstbewusst, Larissa und Talita machten zunehmend Fehler, so dass das Ergebnis entsprechend deutlich ausfiel.

Silber haben wir also schon und das können wir nicht mehr verlieren. Insofern haben wir morgen keinen Druck. Aber eigentlich wollen wir das Lied nicht nur vor dem Spiel hören, sondern eigentlich nach dem Finale. Morgen also früh schlafen gehen und dann früh um 5 Uhr aufstehen, Fernsehen einschalten, uns die Daumen drücken, und dann hoffentlich mit einem Lächeln zur Arbeit gehen…

Nachtrag: Inzwischen haben sich Agatha und Barbara, angefeuert von frenetischem Publikum in einen Flow gespielt und die hohen Favoriten aus den USA in zwei Sätzen vom Platz gefegt. Agatha/Barbara sind amtierende Weltmeisterinnen, haben aber in dieser Saison bisher eher durchwachsene Ergebnisse erzielt und sogar in der Vorrunde gegen die Spanierinnen verloren. Nun scheinen sie auf den Punkt topfit und haben gezeigt, dass sie jeden schlagen können. Jetzt wird das Finale noch einmal schwerer. Dieses brasilianische Team ist sehr flexibel, kaum auszurechnen und schlägt extrem gut auf. Außerdem ist das bekanntermaßen unfaire Publikum gegen uns. Heute wird es auf das Momentum ankommen. Ich hoffe unsere Mädels können die Zeitumstellung (Spielbeginn, 8 Stunden später als am Vortag) meistern und der Welt zeigen, was sie drauf haben. Das Ergebnis ist offen.

Ein gebrauchter Tag

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Die Nacht war um 4:45 Uhr zu Ende. Australier meinten eine Party am Pool zwischen den Häusern machen zu müssen und waren so laut, dass ich aufgewacht bin und nicht mehr einschlafen konnte. Aus dem Fenster brüllen, was meine erste Idee war, macht wenig Sinn, wenn danach alle wegen meines Gebrülls wach sind. Also machte ich mich an die Arbeit und versorgte die handelnden Personen im Team mit den in der Nacht publizierten Infos zu Trikotfarbe und Spielansetzung, arbeitete meinen Emailaccount leer und stand früh auf.

Danach die übliche Runde durch die Büros,  die bestellten Eintrittskarten abholen, Postfach leeren, Liste mit den Rückflügen an den DOSB mailen. Seit gestern wird die Rückreise geplant. Wer in welchem Flieger sitzt, wer wann in Frankfurt ankommt und wer an der Willkommensfeier teilnimmt, wer welchen Weiterflug braucht etc…

Anschließen Führung von Gästen durchs Dorf, weitere Telefonate um die externen Appartements zurückzugeben, die Möglichkeiten auszuloten, wo man nach einer Siegerehrung um 1:30 Uhr und nachfolgender Dopingprobe ggf. noch feiern kann.

Nach dem Mittagessen durfte ich auf Vermittlung von Julius Brink einen mir seit Jahren bekannten ARD-Reporter behandeln, der Hilfe benötigte, allerdings im Büro in der internationalen Zone, da der gute Mann das Dorf nicht betreten darf.

Dann ging es zum Boxen mit Sitzplatz in der Athletenecke. Dass Frauenboxen olympisch ist, mag man hinnehmen, allerdings ist die Qualität im Amateurbereich mit dem, was eine Regina Halmich oder Susi Kentikian abliefern, nicht zu vergleichen. Auch in den leichten Männerklassen war es oft nicht mehr als eine gewöhnliche Klopperei. Immer wenn Franzosen boxten, stand die Riege der ausnahmslos farbigen Franzosen auf, versperrte allen anderen rücksichtslos den Blick und war auch mit gutem Zureden nicht dazu zu bewegen, sich zu setzen, im Gegenteil, sie wurden aggressiv, -Boxer eben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Generation französischer Migrantennachkommen diejenigen sind, die der Staatsgewalt in Frankreich durchaus immer wieder Probleme machen. Verzogene Egoisten ohne jeglichen Anstand. Das erste Mal bei Olympia, dass ich solche Leute als Teilnehmer getroffen habe.

 

Das Boxen war durchaus kurzweilig, allerding konnte ich viele Urteile nicht nachvollziehen und die Zuschauer überwiegend auch nicht. Der Knaller war das 91-kg Schwergewichtsgefecht um die Goldmedaille. Der Kasache Vassily Levit war der klar bessere Boxer, der Russe Tishchenko bekam Prügel und lief viel rückwärts. Am Ende bekam er Gold, die Halle tobte und buhte, außer den russischen Fans natürlich, IOC-Präsident Bach verließ, wie fast alle Zuschauer, fluchtartig die Halle noch vor der Siegerehrung, die wirklich ungerecht ist. Mein Eindruck wurde durch deutsche Boxer bestätigt, die ich im Fahrstuhl traf. Boxergebnisse werden teils nach nicht nachvollziehbaren Kriterien vergeben.

Inzwischen hat das Wetter gewechselt. Heute morgen war es noch warm und wolkenlos, inzwischen regnet es. Der Wetterwechsel kündigte sich, wie zuletzt schon, durch Sturmböen an. Mülleimer fuhren auf ihren Rollen selbstständig die Straße lang, alle Schilder im Busbahnhof wehten um, die Bäume standen schräg, die Banner an den Häuser machten sich teils selbstständig. Der Sicherheits-Zaun wehte meines Wissens nach diesmal aber nicht um;-)).

Nach dem Abendessen versuchte ich meine Wäsche aus der Wäscherei zu holen. Allerdings fand man genau einen Wäschebeutel (es gibt blaue für Buntwäsche und weiße für weiße Wäsche), und der zweite, den ich gleichzeitig abgegeben habe, war nicht im System gespeichert. Also durfte ich eine zweistellige Anzahl an Wäschebeuteln durchschauen, bis ich tatsächlich meinen wiederfinden konnte.

Dann erreichte uns die Nachricht, dass der verunglückte Kanute Stefan Henze verstorben ist. Das war nach den vorliegenden internen Informationen zu erwarten gewesen, dennoch ist es für die Stimmung nicht schön. Trauerflor darf man nach IOC-Statuten nicht tragen, dennoch konnte die Mannschaftsleitung erreichen, dass an allen Wettkampfstätten die deutsche Flagge morgen auf Halbmast weht. Falls Sie sich bei den Fernsehbildern morgen wundern, dann wissen Sie jetzt den Grund.

Stichwort morgen: 16:00 Uhr brasilianische Zeit, also 21:00 Uhr in Deutschland werden wir es mit Talita/Larissa zu tun haben, die schon Borger/Büthe in der ersten K.O.-Runde eliminiert haben. Ein Sieg würde bedeuten, dass wir Silber sicher hätten. Das ist der Plan. Allerdings geht es gegen die Nummer Eins der Olympiaqualifikation und die Lokalmatadoren (Talita stammt aus Rio), sowie gegen geschätzt 15000 Zuschauer. Es wird  das alles andere als ein Selbstgänger. Machen Sie sich auf ein spannendes Spiel gefasst. Und:

Drücken Sie uns die Daumen !!! Wir können es gebrauchen…

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