Wir haben noch nicht fertig…

Das Halbfinale war nicht leicht, auch wenn es am TV so aussah. Die Vorstartspannung war deutlich zu spüren, schon beim Einspielen.

Auf dem Feld gegen die Mehrheit der Zuschauer und sehr einseitige Moderatoren lief es besser. Schnelle Punkte zum Anfang ließen die Nervosität schnell schwinden. Allerdings war uns Brasilien am Anfang in Bezug auf Aufschlag und Annahme etwas überlegen. Dafür hat Laura die bessere Abwehrarbeit geleistet und auch Kiras Block was besser als der von Talita. Die Führung auszubauen gelang keiner Mannschaft. Im zweiter Drittel des Satzes hatte Brasilien eine gute Phase, aber Kira und Laura konnten zurückfighten und zum Satzende dominieren. Erster Satz für uns- das beruhigte unsere Mädels und setzte die Brasilianerinnen unter noch mehr Druck. Was ihnen gegen die Schweiz gelang, nämlich das Spiel offen zu halten und sogar Matchbälle abzuwehren, dazu bestand heute keine Chance. Im zweiten Satz spielen unsere Mädels frech und selbstbewusst, Larissa und Talita machten zunehmend Fehler, so dass das Ergebnis entsprechend deutlich ausfiel.

Silber haben wir also schon und das können wir nicht mehr verlieren. Insofern haben wir morgen keinen Druck. Aber eigentlich wollen wir das Lied nicht nur vor dem Spiel hören, sondern eigentlich nach dem Finale. Morgen also früh schlafen gehen und dann früh um 5 Uhr aufstehen, Fernsehen einschalten, uns die Daumen drücken, und dann hoffentlich mit einem Lächeln zur Arbeit gehen…

Nachtrag: Inzwischen haben sich Agatha und Barbara, angefeuert von frenetischem Publikum in einen Flow gespielt und die hohen Favoriten aus den USA in zwei Sätzen vom Platz gefegt. Agatha/Barbara sind amtierende Weltmeisterinnen, haben aber in dieser Saison bisher eher durchwachsene Ergebnisse erzielt und sogar in der Vorrunde gegen die Spanierinnen verloren. Nun scheinen sie auf den Punkt topfit und haben gezeigt, dass sie jeden schlagen können. Jetzt wird das Finale noch einmal schwerer. Dieses brasilianische Team ist sehr flexibel, kaum auszurechnen und schlägt extrem gut auf. Außerdem ist das bekanntermaßen unfaire Publikum gegen uns. Heute wird es auf das Momentum ankommen. Ich hoffe unsere Mädels können die Zeitumstellung (Spielbeginn, 8 Stunden später als am Vortag) meistern und der Welt zeigen, was sie drauf haben. Das Ergebnis ist offen.

Ein gebrauchter Tag

Die Nacht war um 4:45 Uhr zu Ende. Australier meinten eine Party am Pool zwischen den Häusern machen zu müssen und waren so laut, dass ich aufgewacht bin und nicht mehr einschlafen konnte. Aus dem Fenster brüllen, was meine erste Idee war, macht wenig Sinn, wenn danach alle wegen meines Gebrülls wach sind. Also machte ich mich an die Arbeit und versorgte die handelnden Personen im Team mit den in der Nacht publizierten Infos zu Trikotfarbe und Spielansetzung, arbeitete meinen Emailaccount leer und stand früh auf.

Danach die übliche Runde durch die Büros,  die bestellten Eintrittskarten abholen, Postfach leeren, Liste mit den Rückflügen an den DOSB mailen. Seit gestern wird die Rückreise geplant. Wer in welchem Flieger sitzt, wer wann in Frankfurt ankommt und wer an der Willkommensfeier teilnimmt, wer welchen Weiterflug braucht etc…

Anschließen Führung von Gästen durchs Dorf, weitere Telefonate um die externen Appartements zurückzugeben, die Möglichkeiten auszuloten, wo man nach einer Siegerehrung um 1:30 Uhr und nachfolgender Dopingprobe ggf. noch feiern kann.

Nach dem Mittagessen durfte ich auf Vermittlung von Julius Brink einen mir seit Jahren bekannten ARD-Reporter behandeln, der Hilfe benötigte, allerdings im Büro in der internationalen Zone, da der gute Mann das Dorf nicht betreten darf.

Dann ging es zum Boxen mit Sitzplatz in der Athletenecke. Dass Frauenboxen olympisch ist, mag man hinnehmen, allerdings ist die Qualität im Amateurbereich mit dem, was eine Regina Halmich oder Susi Kentikian abliefern, nicht zu vergleichen. Auch in den leichten Männerklassen war es oft nicht mehr als eine gewöhnliche Klopperei. Immer wenn Franzosen boxten, stand die Riege der ausnahmslos farbigen Franzosen auf, versperrte allen anderen rücksichtslos den Blick und war auch mit gutem Zureden nicht dazu zu bewegen, sich zu setzen, im Gegenteil, sie wurden aggressiv, -Boxer eben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Generation französischer Migrantennachkommen diejenigen sind, die der Staatsgewalt in Frankreich durchaus immer wieder Probleme machen. Verzogene Egoisten ohne jeglichen Anstand. Das erste Mal bei Olympia, dass ich solche Leute als Teilnehmer getroffen habe.

 

Das Boxen war durchaus kurzweilig, allerding konnte ich viele Urteile nicht nachvollziehen und die Zuschauer überwiegend auch nicht. Der Knaller war das 91-kg Schwergewichtsgefecht um die Goldmedaille. Der Kasache Vassily Levit war der klar bessere Boxer, der Russe Tishchenko bekam Prügel und lief viel rückwärts. Am Ende bekam er Gold, die Halle tobte und buhte, außer den russischen Fans natürlich, IOC-Präsident Bach verließ, wie fast alle Zuschauer, fluchtartig die Halle noch vor der Siegerehrung, die wirklich ungerecht ist. Mein Eindruck wurde durch deutsche Boxer bestätigt, die ich im Fahrstuhl traf. Boxergebnisse werden teils nach nicht nachvollziehbaren Kriterien vergeben.

Inzwischen hat das Wetter gewechselt. Heute morgen war es noch warm und wolkenlos, inzwischen regnet es. Der Wetterwechsel kündigte sich, wie zuletzt schon, durch Sturmböen an. Mülleimer fuhren auf ihren Rollen selbstständig die Straße lang, alle Schilder im Busbahnhof wehten um, die Bäume standen schräg, die Banner an den Häuser machten sich teils selbstständig. Der Sicherheits-Zaun wehte meines Wissens nach diesmal aber nicht um;-)).

Nach dem Abendessen versuchte ich meine Wäsche aus der Wäscherei zu holen. Allerdings fand man genau einen Wäschebeutel (es gibt blaue für Buntwäsche und weiße für weiße Wäsche), und der zweite, den ich gleichzeitig abgegeben habe, war nicht im System gespeichert. Also durfte ich eine zweistellige Anzahl an Wäschebeuteln durchschauen, bis ich tatsächlich meinen wiederfinden konnte.

Dann erreichte uns die Nachricht, dass der verunglückte Kanute Stefan Henze verstorben ist. Das war nach den vorliegenden internen Informationen zu erwarten gewesen, dennoch ist es für die Stimmung nicht schön. Trauerflor darf man nach IOC-Statuten nicht tragen, dennoch konnte die Mannschaftsleitung erreichen, dass an allen Wettkampfstätten die deutsche Flagge morgen auf Halbmast weht. Falls Sie sich bei den Fernsehbildern morgen wundern, dann wissen Sie jetzt den Grund.

Stichwort morgen: 16:00 Uhr brasilianische Zeit, also 21:00 Uhr in Deutschland werden wir es mit Talita/Larissa zu tun haben, die schon Borger/Büthe in der ersten K.O.-Runde eliminiert haben. Ein Sieg würde bedeuten, dass wir Silber sicher hätten. Das ist der Plan. Allerdings geht es gegen die Nummer Eins der Olympiaqualifikation und die Lokalmatadoren (Talita stammt aus Rio), sowie gegen geschätzt 15000 Zuschauer. Es wird  das alles andere als ein Selbstgänger. Machen Sie sich auf ein spannendes Spiel gefasst. Und:

Drücken Sie uns die Daumen !!! Wir können es gebrauchen…

Halbfinale!!!!!!! Schon heute wurde Geschichte geschrieben…

… aber Story ist noch nicht zu Ende.

Nachdem das Achtelfinale gegen die Schweiz im ersten Satz zu einer Zitterpartie wurde, danach aber die Sicherheit und vor allem der Aufschlag wieder kam, hatte die beiden Schweizerinnen im zweiten Satz keine Chance. Ein letztlich souveräner Sieg, der zwar zwischenzeitlich ein bisschen holperig war, aber letztlich eindeutig ausfiel.

Heute ging es dann gegen Kanada. Das letzte Duell der beiden in Porec hatten die Kanadierinnen gewonnen. Pavan, mit 1,96m die längste im Frauenbeachvolleyballturnier, hat schon einen beeindruckenden Block und die Abwehrspielerin hat es bei einem solchen Block leichter, das Feld zu verteidigen.

Entsprechend angespannt waren wir alle. Ein neunter und ein fünfter Platz bei Olympia ist das bisherige Standartergebnis der Damen gewesen. Das wollten wir auf keinen Fall noch einmal.

Ich kann melden, dass beide Spielerinnen im bisherigen Turnierverlauf durch die Pflege von Physiotherapeut Jochen Dirksmeyer immer stabiler geworden sind und auch die Menge an Tape, die vor dem Spiel verklebt wird, rückläufig ist. Immer weniger muss ich bei den jeweiligen Check-ups vor dem Spiel korrigierend eingreifen.

Nun also zum Spiel gegen Kanada. Es begann wieder ein bisschen holperig, keine Mannschaft konnte sich entscheidend absetzen. Es gelang den Block von Sarah Pavan zu umspielen und ihr wenig Gelegenheit zu geben, sich auszuzeichnen. Die kleine Abwehrspielerin hatte zunehmend Probleme mit unseren wirklich guten Aufschlägen und so wurde es mit einer souveränen Leistung ein unerwartet deutlicher Sieg mit zweimal 21:14.

Die Körpersprache der Kanadierinnen ab Mitte des zweiten Satzes war eindeutig. Sie waren völlig überfordert mit dem Druck, den Kira und Laura aufbauen konnten.

Die Freunde ist groß im deutsch en Lager: Noch nie zuvor hat ein deutsches Damenteam die letzten Vier bei Olympischen Spielen erreicht. Und wir freuen uns auch, dass wir jetzt auf jeden Fall noch zweimal spielen dürfen.

Leider nicht gegen unsere Freunde und Trainingspartner, die Schweizerinnen. Sie hatten gegen die Favoriten aus Brasilien 4 Matchbälle im zweiten Satz und konnten dennoch nicht gewinnen. Nun haben Talita und Larisse (BRA 1) sicher viel neues Selbstvertrauen gewonnen und das Halbfinale wird auch wegen der sehr einseitigen Zuschauer extrem schwer.

Morgen ist frei, da nur die Männerviertelfinals gespielt werden. Wir erwarten Gäste im Dorf und für den Nachmittag habe ich Eintrittskarten für das Boxen bestellt – wenigsten eine andere Sportart möchte ich hier sehen.

 

Sonstige Neuigkeiten:

Die Lage in Rio wird immer brisanter. Dabei sind keine Terroristen das Problem, sondern Einheimische. Das BKA hat heute eine Warnmeldung an alle rausgegeben, die ich Ihnen gerne einmal zum Mitlesen zitiere:

„…in Anbetracht der aktuellen Sicherheitslage (vermehrte Überfälle und Diebstähle auch in den Zentren sowie auf Verkehrsmittel sowie Schusswechsel in verschiedenen Teilen der Stadt) bitten wir euch dringend darum, die Mitglieder eurer Teilmannschaften nochmals eindringlich auf die erläuterten Vorsichtsmaßnahmen hinzuweisen. Insbesondere sollte –bei allem Verständnis für den „Feiermodus“ – auch hier ein verantwortungsvolles und immer kontrolliertes Vorgehen (Alkoholkonsum, Rückkehrzeit, Kommunikation im Team) selbstverständlich sein.“

 

In einigen Teilen Rios sind Spezialkräfte gebündelt und haben heute z.B. eine Favela „gesäubert“, weswegen unser Bus einen anderen Weg fahren musste.

An der Copacabana rotten sich Banden mit bis zu 50 Mitgliedern zusammen und rauben Touristen aus- die Polizei hat dort kapituliert (Zitat BKA).

Falsche Polizisten haben mit einer Straßensperre das Taxi amerikanischer Schwimmer angehalten und diese ausgeraubt.

 

Ich bekomme nicht mit, was neben der Sportberichterstattung in Deutschland davon ankommt, aber ich sehe hier täglich, das Brasilien nicht reif war, die Spiele so auszurichten, wie wir und alle anderen es erwarten. Ich bin sehr gespannt, was der IOC-Präsident sagen würde, wenn man ihn darauf anspräche. Nach seiner Verlautbarung sind das hier die besten Spiele, die es je gab. Nach Auffassung derer, die einen Vergleich haben, sicher die schlechtesten.

 

Auch unsere neue Housekeeping-Firma erscheint nur sporadisch. Inzwischen putzen einige Teams selbst. Handtuchwechsel, Bettzeugwechsel: Fehlanzeige. Toiletteneimer leeren: nur auf direkte persönliche Aufforderung durch Gesten, da eine Kommunikation in der Regel nicht möglich ist.

Gestern habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin zu Golden M gegangen, die eine Dependance in der internationalen Zone unterhalten, in der Akkreditierte kostenlos BicMäc und Konsorten ordern können. Die Schlage ist ca. 100 m lang, ich habe 55 Minuten gewartet bis ich die Bestellung aufgeben konnte, dann weitere 10 Minuten bis ich mein Fastfoodbeutel bekam.

Aber erstmals in Brasilien konnte man sich darauf verlassen, dass es so schmeckt , wie es aussieht und man es kennt und erwartet.

Und dann habe ich fast 2000kcal auf einmal gegessen, upps…

Erste Hoffnungen begraben

Nachdem sich Böckermann/Flüggen im letzten Gruppenspiel gegen Russland erwartungsgemäß nicht durchsetzen konnten, ist für sie das Abenteuer Olympia als Aktive zu Ende. Die Bürde, nicht nur gewinnen zu müssen, sondern auch mindestens 12 Punkte gut machen zu müssen, erwies sich als schwere Last auf den Schultern. Die Russen machten sehr schnell klar, dass sie nicht auf ein knappes Ergebnis hoffen, sondern aus eigener Kraft das Weiterkommen sichern wollten. So bleibt den beiden nur, sich endlich mit den Freunden und Bekannten zu treffen, die nach Rio gekommen sind, mit ihnen gemeinsam die verbliebenen Teams zu unterstützen und sich vielleicht die eine oder andere Sehenswürdigkeit Rios oder andere Sportarten anzusehen.

Bei den Damen gelangen Borger/Büthe nach der Niederlage gegen Kanada wenigstens der Einzug ins Lucky Loser-Finale, wo Venezuela keine wirkliche Hürde darstellte.

Bei der Auslosung wollte es das Schicksal, dass der weitere Gegner vom Ausgang der Partie zwischen Tschechien und Russland abhing, da festgelegt ist, dass niemand in der ersten K.O.-Runde auf eine Mannschaft treffen darf, gegen die sie im Pool bereits gespielt hat. Hätte Tschechien gewonnen, wären Borger/Büthe auf Spanien getroffen, eine vermeintlich lösbare Aufgabe. Da aber die Russen Tschechien besiegten, lautete unser Gegner Brasilien, und zwar das vermeintlich bessere Team des Gastgebers, Larissa/Talita. Gegen diesen Gegner in dessen Land vor einem sehr einseitigen Publikum zu spielen, ist eine besondere Situation. Zum einen werden die Gegner Brasiliens beim Aufschlag ausgebuht, zum anderen wird jeder brasilianische Punkt in ohrenbetäubender Lautstärke abgefeiert, natürlich unterstützt von den brasilianischen Moderatoren im Stadion. Bei brasilianischen Punktgewinnen hört man das nervige Geknatter der Luftüberwachung – es sind ständig Hubschrauber in der Luft, teils direkt über der Arena- für kurze Zeit nicht.

Borger/Büthe lieferten ihre beste Turnierleistung ab, aber scheiterten am Ende an einer etwas zu hohen Eigenfehlerquote. Platz 9 entspricht nicht den Erwartungen des Teams und auch nicht den eigenen Ansprüchen.

In der Abschlussbesprechung erfolgte die einvernehmliche Trennung vom Trainer Srdjan Veckov, der in Erwartung der zweiten Vaterschaft ein dringendes Bedürfnis hat, nach Serbien zurückzukehren.

 

Damit ist nur noch ein Team im Wettbewerb, auf das nun alle Augen gerichtet sind. Kira/Laura treffen heute auf die Schweiz. Eine eigentlich gut lösbare Aufgabe, aber keineswegs ein Selbstgänger. Die Schweizer sind taktisch und psychologisch von ihrem deutschen Trainerstab bestens vorbereitet. Außerdem hat man diverse Trainings gemeinsam abgehalten und kennt sich gut.

In Brasilien bedeutet 15:oo Uhr Spielbeginn, beim heutigen Wetter durchaus eine Hitzebelastung, in Deutschland können Sie das Spiel live zur besten Sendezeit am Abend sehen.

 

Was gibt es noch zu berichten?

Die beiden letzten Tage waren wirklich anstrengend. Um 23:00 Uhr zu spielen bedeutet, dass wir danach noch die Spieler ausbehandeln und erst den 1:15-Suttle ins Dorf bekommen, wo wir gegen 2:30 Uhr ankommen. Das war am Mittwoch. Bis nachts um 2 Uhr auf die Ansetzung der Spiele zu warten, die zwar ausgelost sind, aber je nach Angebot der Fernsehanstalten für Übertragungszeiten angesetzt werden, bedeutet den allerletzten Shuttle um 2:15 Uhr ab Copacabana zu nehmen und um 3:30 Uhr im Dorf anzukommen, wissend, dass das nächste Spiel um 16:00 Uhr angesetzt ist, was real bedeutet, dass wir den Bus zum Stadion um 12 Uhr nehmen müssen. Bleiben also 8 Stunden um zu essen, schlafen, duschen, die Handys zu laden, die nötigen Administration im Mannschaftsbüro abzuwickeln, die täglichen Zugangsberechtigungen für Wettkampfstätte und Olympisches Dorf zu organisieren, und sich mit dem Team zu besprechen. Außerdem kommen immer wieder Wünsche nach Eintrittskarten auf mich zu, die ich mit dem Mannschaftsbüro abgleichen und abwickeln muss.

Schlafmangel wird somit ein zunehmendes Problem. Essen dagegen weniger. Es schmeckt einfach nicht in der Dining Hall, es gibt seit nun 2 Wochen täglich das gleiche Essen, die Variationen sind bescheiden. Da freue ich mich wirklich darauf, wieder zu Hause selbst zu kochen.

In der zum Spielfeld hin offenen Kommentatorenkabine, in der auch deutsches Personal arbeitet, hing vor dem Spiel gegen Talita/Larissa ein Din-A-4 Blatt mit folgender Aufschrift:

BRA 1

GER 7

Der unmissverständliche Hinweis auf das legendäre Fußballresultat von vor 2 Jahren, das bei den Brasilianern noch tief unter die Haut geht, wenn man es anspricht.

Anett, die Sportpsychologin von Kira und Laura hat heute Geburtstag.

Es regnet im Gegensatz zu den beiden letzten Tagen voraussichtlich nicht.

9. August – ein volleyballhistorisches Datum

Vor 4 Jahren, um 22:00Uhr in London, war es geschafft, Olympiasieg für Jonas und Julius.
Gestern musste ich den Trainer der beiden, der heute mit Kira und Laura Ähnliches anstrebt, daran erinnern. So flüchtig sind Ereignisse, dass man sie nicht mehr auf dem Schirm hat, obwohl es für Volleyball-Deutschland (bisher) nichts Vergleichbares gab und gibt. Heute können Sie die Jungs live als Kommentatoren erleben.
So positiv die Erinnerungen sind, im Hier und Jetzt müssen wir uns der Realität stellen.
Nachdem die Jungs gegen Holland knapp verloren, machen es Britta und Karla besser.
Nach einem etwas wackeligen ersten Satz gegen NED 2, der mit 21:19 gewonnen wurde, kam zunehmend Sicherheit in die Aktionen. Wir erlebten eine Karla Borger „on fire“, während Britta ein bisschen länger brauchte, bis sie sich stabilisierte.
Am Ende stand ein ungefährdeter Sieg mit einer ansprechenden Leistung. Nun kann gegen Kanada sogar noch vom Gruppensieg geträumt werden, obwohl die Kanadierinnen bisher ungeschlagen sind.
Kira und Laura, die ihren Fokus auf die K.o.-Runde legen, absolvierten tagsüber ein intensives Training und zeigten dann auf dem Feld, dass sie in der Gruppe nicht fürchten müssen, in ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen. In der nächsten Runde sind sie schon, der Gruppensieg ist das erste Zwischenziel.
Heute Abend, 23 Uhr Ortszeit (entsp. 4 Uhr früh in Deutschland) kommt es zum Showdown gegen Russland, allerdings mit ungleichen Vorzeichen. Markus und Lars müssen nicht nur gewinnen, sondern, um weiter zu kommen, müssen sie 12 Punkte besser sein als die Russen. Das wird ein hartes Stück Arbeit.

 
Nachrichten aus dem Dorf

Die Reiningungsfirma, die unsere Unterkünfte in Stand halten soll, wurde von ihrem Auftrag entbunden. Eine andere wird diesen Aufgabenbereich nun wahrnehmen. Erste Konsequenz: ich habe nach 12 (!) Tagen endlich einen Spiegel im Bad und sehe nach der Rasur nicht mehr aus, als sei ich in einen Dornenbusch gefallen.
Mittagsschlaf wird zunehmend zur Pflicht, weil man anders die Nächte nicht übersteht. Spielbeginn 23 Uhr bedeutet 19:1o Uhr in den Bus steigen, 20:15 Uhr an der Copacabana ankommen, dann die Spieler auf den Wettkampf vorbereiten. Dann die Damen ansehen, die um die Zeit trainieren, und evtl. vorhandene Probleme lösen. Ab 22:45 sitze ich am Feld und betreue Lars und Markus im Spiel. Gegen Mitternacht sind die beiden fertig, und, soweit keine überlange Medienprozedur erfolgt und wir nicht zur Dopingkontrolle ausgelost werden, können wir den 0:15-Shuttle oder den 1:15-Shuttle ins Dorf bekommen. Ankunft dort entsprechend 1:15 bzw. 2:15, dann Essen, dann behandeln, dann gegen 4 Uhr schlafen, hoffentlich. Jedenfalls kann ich voraussichtlich ausschlafen, da morgen früh keine Sitzung angesetzt ist. Allerdings kann es einen telefonisch treffen. So auch heute, als ich zu einer konsiliarischen Behandlung einer luxemburgischen Athletin gerufen wurde. Dann muss man seinen Verpflichtungen nachkommen und den Schlaf wann anders zu finden versuchen.

Besonders heikel dürfte es morgen Nacht werden, wenn die Vorrundenspiele abgeschlossen sind und die Hauptrunden ausgelost werden. Als offizieller Verbandsfunktionär muss ich anwesend sein und nicht nur verfolgen, wer unsere Gegner sind, vielmehr muss ich warten bis feststeht, WANN wir spielen. Die Entscheidung wird weitgehend von den Fernsehübertragungszeiten abhängig sein. Je nach dem ob man jemanden aus den USA oder Kanada bekommt, werden die Spiele sehr spät sein, trifft man auf Brasilien ist es eher tagsüber. Diese Information muss an die Teams gegeben werden, die sich entsprechend vorbereiten müssen. Allerdings werden die Teams schlafen und dann kurzfristig nach Absprache mit den Trainern informiert. Die Trainer ihrerseits müssen mit dem Videoscout die neuen ausgelosten Gegner noch nachts analysieren und sich eine Taktik zurecht legen, die sie ihren Teams am Morgen nahebringen. Und weil jedes Team einen eigenen eingeübten Countdown vor einem Spiel hat, müssen die weitergekommenen Teams und die Medizin koordiniert werden, denn kein Team geht auf´s Feld, ohne dass es von Physio und Arzt gesehen und gecheckt wurde.
Nach der Auslosung ist der weitere Weg dann klar: wer gewinnt kommt weiter, wer verliert ist raus. Und da der Baum, den man runterspielt feststeht, sind alle möglichen Gegner auch frühzeitig bekannt. Noch hoffen wir alle, dass wir am 17. noch dabei sind. Das würde bedeuten, dass wir um Medaillen spielen.

Gleich fahre ich raus zum Venue, der Countdown von Lars und Markus läuft…

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