Tolles Spiel – keine Belohnung

Gegen die Weltranglistenzweiten Brouwers und Meuwsen spielten Lars und Markus nach kleinen Startschwierigkeiten überzeugend. Endlich zeigten sie auch bei Olympia, was sie wirklich drauf haben und dass sie zu Recht hier sind. Schade nur, dass am Ende des dritten Satzes die Kaltschnäuzigkeit fehlte, den „Sack zu zumachen“.

Auch wenn man mit der Leistung zufrieden sein kann, die Niederlage bedeutet faktisch, dass unsere Chancen, im Turnier der Herren vertreten zu bleiben, sehr gering sind. Wir müssten die Russen mit mindestens 12 Punkten Differenz (in beiden Sätzen zusammengerechnet) schlagen. Das ist nicht unmöglich, aber wenig wahrscheinlich.

Im Spiel gab es die kleine Verletzungsauszeit, weil Markus ein funktionelles Knieproblem bekam, dass ich aber schnell beheben konnte.

 

Für die Kenner der Szene unter Ihnen, die schon ein paar Jahre mehr auf der „Uhr“ haben: Ich habe Dr. Eduardo Tinoco getroffen.

Wen? Eduardo spiele in den 90er Jahren als Volleyballprofi in Deutschland und startete am Strand mit Hauke Braak.

Eduardo ist Zahnarzt und betreibt eine Praxis in Rio de Janeiro. Während der Olympischen Spiele ist er der Leiter der Zahnambulanz im Olympischen Dorf, die von 7 Uhr bis 23 Uhr täglich geöffnet hat. Eduardo spricht immer noch fließend Deutsch und hat zwar viele Haare, aber nicht seinen Charme verloren.

 

An dieser Stelle sei einmal beschrieben, was hier im Dorf medizinisch abgeht.

Es ist eine Poliklinik eingerichtet worden, die einen hohen Standard hat

Auf Wunsch des IOC bietet Rio einen Zahnarztservice incl. Versorgung an, es gibt neben allen möglichen Notfallbehandlungseinheiten, Augenärzte, Internisten, Chirurgen, Radiologen, Labormedizin. Zwei Magnetresonanztomografen (MRT) stehen hier und sind rund um die Uhr im Einsatz.

Das IOC will den Athleten und Funktionären der Länder, in denen eine gute medizinische Versorgung nicht selbstverständlich ist, eine Möglichkeit geben sich untersuchen und behandeln zu lassen. So edel dieser Gedanke ist, so ungerecht ist es, dass der Veranstalter, Rio 2016, die Zeche zahlt und die Betroffenen keinerlei Beteiligung an den Kosten haben. Auch das IOC, das wahrlich genug Geld mit den Spielen verdient, zahlt, nach Aussage von Eduardo, nichts dazu.

Um ein Beispiel zu sagen: in den ersten beiden Tagen nach Eröffnung der Poliklinik sind 600(!) Zahnbehandlungen bei „überwiegend Afrikanern und Osteuropäern“ durchgeführt worden. Dabei geht es nicht nur um Diagnostik und Prophylaxe, es wird realer Zahnersatz geleistet. Die Patienten sind im Wesentlichen Funktionäre, weniger Athleten und genauso sieht es im MRT aus. Das ist permanent „verstopft“ von Verbandsfunktionären aus Entwicklungsländern und osteuropäischen Staaten mit schlechtem Gesundheitssystem. Wenn man dann wirklich notfallmäßig eine Diagnostik braucht, muss man ärztlicherseits massiv intervenieren (macht bei uns Prof Wohlfarth ausgezeichnet), um die  nötige Untersuchung zu bekommen.

 

In unserer medizinischen Zentrale nimmt der Andrang auch zu. Die Verbände, die keinen Arzt dabei haben, werden dort medizinisch versorgt, auch die Physiotherapie ist mit Klaus Eder (bekannt von der Fussballnationalmannschaft) und seinem Team vor Ort. Wir Ärzte, die einem Verband zugeordnet werden, betreuen zunächst einmal unsere eigenen Athleten, aber wir schieben Dienst in der Zentrale, wenn wir aus dem Wettkampf sind.

Unschöne Fußnote: Ich bin genau einmal an einem Geldautomaten gewesen und habe brasilianische Real gezogen. Was auf all meinen Reisen, egal wo auf der Welt, nie passiert ist, erwischte mich in Rio an der Copacabana: man hat dabei scheinbar meine EC-Karte ausgelesen und mich am Folgetag in den USA um knapp 600€ erleichtert. Also ist jetzt die EC-Karte gesperrt, ich sitze hier jetzt rum und leihe mir Geld. Glücklicherweise ist man als „Jokerkunde“ meiner Bank in der komfortablen Situation einen Extraservice zu genießen, der einem auf Wunsch zeitnah und kostenfrei eine ordentliche Geldsumme zur Auszahlung anweist.

In so fern: es gibt Schlimmeres.

 

Heute geht´s für Britta und Karla schon um alles. Siegen sie gegen die Holländerinnen, ist noch alles möglich verlieren sie, dürfte auch für sie das Turnier vorzeitig zu Ende sein.

Kira und Laura spielen zuerst – für Sie In Deutschland um 23:30h-  gegen Canada 2, die Stuttgarterinnen treffen danach um 2Uhr deutscher Zeit auf die Niederlande 2.

Erste Runde gespielt…

Nun sind alle im Wettkampf. Den Anfang machten Böckermann/Flüggen, die gegen Polen deutlich verloren. Im ersten Satz fanden die beiden nicht ins Spiel und gingen sang- und klanglos unter. Auch die einfachsten Elemente klappten nicht. Im zweiten Satz setzte sich das zunächst fort, allerdings ließen die Polen ein bisschen nach und Bö/Flü stabilisierten sich. Bei 20:20 kam es zum Gleichstand und eigentlich sprach das Momentum für uns. Aber zwei direkte Aufschlagfehler, die die Verunsicherung unserer Spieler widerspiegeln, ermöglichten den Polen das letzte Break.
Tief enttäuscht zeigten sich die beiden Protagonisten und fanden als Erklärung die Tatsache, dass sie nach der erfolgreichen Qualifikation in Hamburg verletzungsbedingt über 2 Wochen kein Balltraining absolvieren konnten und ihren Rhythmus verloren. Und genauso sah auch das Spiel aus. Automatismen, Dinge über die man aktiv nicht nachdenken muss, klappen auf einmal nicht mehr. Und kleine Ungenauigkeiten häufen sich dann an und erschweren es, den Punkte zu machen. Und natürlich kommt auch Aufregung dazu, wenn man erstmals bei Olympia spielen darf. Aber die hatten die Polen sicherlich auch.
Gestern dann der erste Auftritt von Ludwig/Walkenhorst. Gegen ein ägyptische Team, das sich über eine Afrika interne Ausscheidung für die Spiele in Rio qualifizieren konnte und noch nie vorher auf der Welttour präsent war, war es seit langem wieder einmal ein Spiel gegen eine Mannschaft, von der man keine Videoaufzeichnungen hatte. Die Vorbereitung auf das Spiel lief dementsprechend anders als „normal“. Eine der beiden, erst 18 und 19 Jahre alten Ägypterinnen spielte konsequent mit Kopftuch – auch ein Novum im olympischen Beachvolleyball.
Das Spiel ist schnell erzählt: Die Ägypterinnen zeigten, dass sie das Spiel verstanden haben und wussten, was sie wollten. Ihr Aufschläge waren durchaus konkurrenzfähig und sie spielten angstfrei auf. Am Ende war es klar, dass weder technische Fähigkeiten noch Athletik ausreichen konnten, eine wirklich nicht gut spielendes Team Walkenhorst/Ludwig zu gefährden. Auf unser Team bezogen ist noch deutlich Luft nach oben. Die Eigenfehlerquote war für ein Spiel gegen ein Topteam eindeutig zu hoch, auch Aufschläge können wir besser. Aber es ging darum zu gewinnen und sich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Und das hat geklappt.
Im letzten Spiel trafen Borger/Büthe auf die Schweizerinnen Heidrich/Zumkehr, die vom ehemaligen deutschen Topspieler Christoph Dieckmann trainiert werden. Borger/ Büthe bekamen ihre Nerven nicht in den Griff und ließen sich im ersten Satz verhauen. Im zweiten wurde es zwischenzeitlich etwas besser, aber das Team fand nie in den Rhythmus, konnte keinen Druck erzeugen und machte sich das Spiel mit einen schlechten Annahme ein ums andere Mal selbst schwer. Positive Nebenerfahrung: von 3 Challenges waren 2 erfolgreich.
Für die Leser, die sich nicht so auskennen:

Erstmals kann ein Team eine Schiedsrichterentscheidung anfechten und um eine Videokontrolle bitten. Wenn man also meint, der Block habe den Ball berührt oder der Ball sei, anders als der Schiedrichter ihn entschieden hat, drin oder doch aus gewesen, wenn man glaubt ein Netzfehler wurde übersehen, dann kan man den Videobeweis (Challenge genannt) fordern, Das darf zweimal im Satz passieren. Ist der Einspruch nicht zutreffend, reduziert sich die Anzahl der Challenges, bei zwei unerfolgreichen Videokontrollen kann man in dem Satz keine weitere Challenge nehmen. Bei erfolgreichem Einspruch bekommt man nicht nur den Punkt und den Ball, sondern behält auch das Recht für einen weiteren Challenge. Die Entscheidung, einen Challenge zu verlangen muss innerhalb von 5 Sekunden nach Auftreten des Fehlers passieren. Man kann also nicht einen Ballwechsel fortsetzen und am Ende der Ralley sagen, ich möchte einen Challenge des Blocks vom Anfang des Ballwechsels. Das kann dazu führen, dass ein Spieler einen Ball auffängt und Challenge verlangt (signalisiert durch das Formen eines „C“ mit Daumen und Zeigefinger), während die Zuschauer sich wundern, warum der Spieler nicht weiterspielt.
In der Summe kann man sagen, dass Bö/Flü und Bo/Bü es nun schwer haben, sich auf einen der beiden besten dritten Plätze in den Gruppen zu spielen, die zum Weiterkommen in die k.o.-Runde berechtigen. Nichts ist unmöglich, aber Auftaktsiege beruhigen, und das hat nicht geklappt. Es wird umso schwerer, als beide Teams nicht annähernd gezeigt haben, was sie wirklich können. Aber so ist Sport, man muss zu einem bestimmten Zeitpunkt performen, wenn man das nicht hinkriegt, verliert man.
Heute haben die Jungs gegen die Exweltmeister von 2013 und Weltranglistenzweiten aus den Niederlanden nichts zu verlieren und morgen geht es bei Borger/Büthe, ebenfalls gegen die Niederlande, deren Coach pikanterweise der Lebensgefährte von Laura Ludwig ist, schon um alles.
Was gibt es sonst zu berichten:

Der Präsident des Deutschen Volleyball Verbandes war hier, ich habe ihn durch das Olympische Dorf geführt, damit auch Spitzen-Funktionäre einmal mit eigenen Augen sehen, unter welchen Bedingungen man hier lebt und arbeitet.
Es gibt weiterhin Kommunikationsschwierigkeiten, denn während die Jugend der Welt auf Kanälen wie Whatsapp-Gruppen und Facebook kommuniziert, hat der Teamleiter ein Handy, das ausschließlich zum SMS-tippen und telefonieren reicht. Armes Deutschland…
Ansonsten ist das Loch in der Decke im Eingangsbereich zu unserem Haus weiter nicht geschlossen, es tropft in aufgestellte Eimer, weil die Klempner die Leitungen seit mehreren Tagen nicht abdichten können. Gestern fiel der Strom aus und Fahrstühle steckten bis zu 40 Minuten fest, heute Nacht wurde wegen Reparaturen das Gas abgestellt.
Frisches Brot, täglich vom Deutschen Haus geliefert, macht das Frühstück besser und die Sportler können sich eine Stulle schmieren und müssen an den Wettkampfstätten nicht auf den von den Brasilianern gelieferten trockenen Weißbrotbaguettes rumkauen.
Starke Windböen ließen gestern nicht nur Blumentöpfe umkippen, es fiel auch einer der Sicherheitszäune im Busabfahrtsbereich auf ca. 30 Metern um. Ich glaube, das kann man unkommentiert stehen lassen.

Durch die späten Spielansetzungen, das letzte Spiel beginnt um Mitternacht (sportphysiologisch blödsinnig, aber aus TV-Gründen so angesetzt), verschiebt sich unser Arbeitstag in die Nacht. Wir sind normalerweise 2 Stunden von einem Spiel am Venue, was bedeutet mindestens 3 Stunden vorher den Shuttle aus dem Dorf zu besteigen, der einmal stündlich fährt. Nach dem Spiel müssen die Spieler zunächst den Journalisten Rede und Antwort stehen, dann erfolgen ggf. Dopingproben, so wie gestern bei Karla, die ich begleitet habe und dann erfolgt noch am Veranstaltungsort die „Ausbehandlung“. Unsere Spieler werden nicht nur direkt vor dem Erwärmen VOR dem Spiel physiotherapeutisch und ärztlich eingestellt und gecheckt, sondern auch NACH jeder Belastung, wie Traininig oder Spiel. Das führt dann dazu, dass wir nach einer dann noch folgenden Bussfahrt von einer Stunde (vorausgesetzt der Busfahrer weiß, wo er hin muss – gestern Nacht jedenfalls nicht), weit nach Mitternacht ins Dorf kommen. Spieler, die im Dorf wohnen, gehen dann noch essen (Essen gibt´s 24/7), Funktionäre manchmal auch, und dann geht man schlafen, wenn man kann oder setzt sich noch zu sammen und bespricht die Probleme der Teams.

Leider ist aber morgens die Nacht vorbei. Wenn es hell wird, kann ich schlecht schlafen und stehe auf. Immerhin habe ich ja noch den Job als Teamleiter und Pressattachee. Schlafmangel ist also eines der sich nun aufbauenden Probleme. Wenn zum Turnierende hin weniger Teams im Wettbewerb sind, reduziert sich die Arbeit auch kaum, weil die Spieler, die hier bleiben, natürlich weiter trainieren und gepflegt werden wollen.

Aber das wusste ich ja vorher…

Endlich geht´s los

Nach dem wir den Fehler beim Einschreiben korrigieren konnten, steht nun einer Teilnahme unserer Teams nichts mehr im Wege.

Ich hatte demnach gestern vergleichsweise wenig zu tun. Morgens habe ich das Außenquartier unserer Damen übernommen, eine Privatwohnung in Ipanema.

Hier werden sich die Damen zurückziehen können und haben mehr Ruhe als im Olympischen Dorf. Gleiches erfolgte heute für das Herrenteam, das nun, 5 min Fußweg vom Stadion, ein Tagesquartier hat.

Nachteil dieses Auszugs aus dem Dorf ist, dass man das Team nicht zusammen hat. Als Teamleiter muss ich im Dorf sein, aber als Betreuer wäre ich gerne dichter dran. Die unnützen und langen Wege von mindestens 1 Std pro Richtung, die Tatsache, dass Impanema nicht vom einem Shuttle angefahren wird und jeder, egal ob Sportler zum Arzt oder Arzt zum Sportler ein Taxi braucht.

Taxen fahren aber lange, weil sie im Verkehr feststecken, der schlechter läuft, weil oftmals eine Fahrspur für Olympiafahrzeuge reserviert ist. Positiv macht sich bemerkbar, dass in Rio seit gestern Ferien sind und viele die Stadt verlassen haben.

Nachdem das Fernsehen gerade bestimmt hat, wer gegen wen in welcher Trikotfarbe spielen muss, wer welche Seite im Stadion bekommt und wir heute beim Technical Meeting den auf die Sekunde geplanten Countdown jeder einzelnen Partie nahegebracht bekamen, ist nun eigentlich alles geregelt.

Herr Gauck hat abgesagt, Herr de Maiziere auch, also kann die Deutsche Mannschaft nun hinter Timo Boll in das Stadion einlaufen. Funktionäre sollen nicht mit, einige wenige dürfen natürlich trotzdem. Ich habe es nicht geschafft unseren Physiotherapeuten Ekkehard Schurig zu einem der begehrten Marching-Pässe zu verhelfen. Also geht von uns niemand hin. Die Spieler nicht, weil sie in den ersten zwei Tagen danach sopielen müssen, Die Funktionäre aus eben geschilderten Gründen auch nicht. Also machen wir ein Teamtreffen im Deutschen Haus und schauen dort fern.

Zum Verständnis: Einmarsch bedeutet um 17:45h loszugehen, in den Bus zu steigen, dann in die Nebenhalle des Maracana-Stadions gefahren zu werden und dort nach Alphabet aufgereiht zu warten bis der Einmarsch beginnt. Dumm dass Alemanha ziemlich vorne im Alphabet kommt und wir früh einlaufen, aber dann lange stehen müssen. So um 2 Stunden muss man rechnen. Danach darf man sich die Reden anhören, die die Spiele eröffnen, sieht das Olympische Feuer entflammen und bekommt abschließend ein Feuerwerk zu sehen. Dann strömen 10000 Athleten zu den Bussen und werden zurück ins Dorf gebracht. Voraussichtliche Rückkehr: Nach Mitternacht.

Das schlaucht einen dermaßen, dass aus sportfachlicher Sicht ein Einmarsch für alle, die in den ersten 2 Tagen Wettkampf haben, nicht empfohlen wird. Manche tun es trotzdem und müssen dann die sportlichen Konsequenzen tragen.

Das Deutsche Haus ist traditionell die Begegnungsstätte, die der DOSB mit den Sponsoren betreibt und wo sich jeder, der sich für wichtig genug hält und einen Promistatus hat und zusätzlich einen Einladung ergattern kann, sehen lassen kann und reichlichst bewirtet wird. Alle Pressekonferenzen, alle Präsentationen von Medaillengewinnern, alle Ehrungen etc. finden hier statt und man trifft alle Athleten, Funktionäre, Industriebosse, Promis und ehemalige Olympioniken und kann durchaus nette Bekanntschaften machen und Kontakte pflegen. Auch das Fernsehen dreht hier und ich habe gestern unsere beiden Beach-Olympiasieger aus London mit ihren jeweiligen Fernsehkollegen getroffen.

Im Deutschen Haus haben alle Akkreditierte Zugang und können, wie wir finden, endlich mal wieder gut essen. Bei keinen Olympischen Spielen war das Essen qualitativ so schlecht wie hier im Dorf. Inzwischen bekommt die Deutsche Mannschaft Brot aus dem Deutschen Haus geliefert, damit man sich wenigstens auf das Frühstück freuen kann.

Unsere Unterkunft bleibt eine Baustelle, im Eingangsbereicht steht ein Eimer, der das aus dem Loch in der Decke tropfende Wasser auffängt, während die Klempner seit 2 Tagen nicht in der Lage sind, dass Leck zu beseitigen.

Olympia ist und bleibt Improvisation und Vertrauen, dass es auch schlimmer kommen könnte.

In diesem Sinne gehen wir voll Vertrauen in das erste Spiel morgen.

Von Prominenten und Missgeschicken

Heute kame der Rest an… Der Rest besteht aus unserer Medaillenhoffnung Kira und Laura, ihrem Traininer Jürgen Wagner und Ekke Schurig unserem Physiothearapeuten, der uns auch schon in Peking betreut hat.

Also 6:00 Uhr aufstehen, ab 6:30 Uhr saß ich im Welcomecenter. Same procedure like yesterday. Alle kamen heile an und hatten Hunger. Danach erfolgte die obligatorische Einweisung und der Bezug der Zimmer. Fotos für den Pressesprecher wurden ebenso abgearbeitet, wie erste Besprechungen und Einteilungen. Zum Mittag ging ich mit Jürgen und Kira und auf dem Rückweg lief und der IOC Präsident Dr. Thomas Bach höchst persönlich über den Weg. Umringt von Bodygard und andern, mir unberkannten Menschen, kam er gerade vonder Einweihung einer Gedenkstätte im Olympischen Dorf, an der den Opfern der Olympiabewegung (z.B. München 1972, Atlanta 96) gedacht werden kann. Ganz Politiker, ging er auf uns zu, nachdem er uns an der Uniform(en)Kleidung als Deutsche identifizieren konnte. Shake Hands und dann die Lobeshymne, es sei das beste Olympische Dorf das es je gegeben hätte, und alle seien so zufrieden, wie gut es sei, usw. Mein Einwand, der Kraftraum sei ein bißche zu klein geraten, ließ ihn verstummen und die letzten 100 m schweigend zu seinem Fahrzeug zurücklegen. Vielleicht hätte ich aus diplomatischen Gründen nichts sagen sollen, aber eigentlich hatte mir auf der Zunge gelegen, ihn zu fragen, wer ihn eigentlich so den ganzen Tag anlügt, damit er das glaubt, was er sagt. Die Probleme sind hier keineswegs behoben, das Essen ist kalt und es gibt keine ausreichende Zahl an Ausgabestellen, im Bereich Sicherheit tut sich wenig, die Leitungen streiken, Wasserrohrbrüche sind tägliche Realität, der Kraftraum ist 1/3 so groß wie der in Athen, von Peking und London ganz zu schweigen. Ich kam gestern gar  nicht rein zum Training, es gab einfach keine freien Geräte.

Okay, die Wohnanlage ist kompakt geplant und inclusive Parkanlage, Spielplätzen und Sportplätzen sehr gut konzipiert. Ich würde mir wünschen, dass in deutschen Wohnanlagen nicht nur an Tiefgaragen, sondern auch an Fußballplätze, Tennisplätze, eine Lauf- und Radstrecke innerhalb der Wohnanlage gedacht würde. In Brasilien ist es normal, dass es öffentliche Sportstätten für jedermann da gibt, wo man lebt. In sofern kann man dem IOC Präsidenten zustimmen.

Der Nachmittag erschöpfte sich in ärztlicher Tätigkeit und Administration und gegen 16:10 Uhr fuhr der Bus an die Copacabana. Pünktlich dank Olympic Lane stiegen wir wie immer aus dem Bus (Sicherheitszone???) und sollten dann durch eine Röntgenschleuse. Wäre zumindest grundsätzlich schon mal ganz gut gewesen, wenn man dann auch noch die Akkreditierungen kontrolliert hätte. Allerdings begriff einer der Soldatenm, dass wir aus dem Buss kamen und winkte uns unkontrolliert durch. Jeder, der sich einen Trainingsanzug angezogen hätte, wäre auf das Gelände gekommen, ohne Röntgen und ohne Akkreditierung.

Nachdem sich die Neuankömmlinge das Arreal angesehen hatten, machten wir ein Gruppentreffen und regelten die noch offenen Fragen. Dann schafften wir es, ein Mannschaftsfoto mit allen hinzubekommen.

Anschließend mussten die Teams und ich zur Einschreibung. Erstmals im Leben der Sportler, die noch nie bei Olympischen Spielen waren, wurden die Identitäten anhand der Pässe kontrolliert. Sonst reicht bei allen Turnieren, dass man kommt und sagt, wer man ist. Dann mussten die Formulare vorgelegt werden, die regeln, wer welche Rechte hat und wer sich welchen Regeln wie zu unterwerfen hat. Dann wurden unsere Kameras mit einem Klebchen versehen, das uns berechtigt, damit zu filmen… Dinger gibt´s … – was sonst soll man damit tun? und – wenn es um Gefährdung geht, hätte ja mal jemand die Kamera in die Hand nehmen und checken können. Es geht darum, dass man anmelden muss, dass man die Spiele aufnimmt, was inzwischen jede Nation für sich tut, um dann das Bildmaterial sportlich und taktisch auzuwerten, typische Gegenerbeobachtung eben. Man hätte ja auch einfach sagen können, „wir wissen, dass ihr das seit vielen Jahren macht und dass Euer Videoscout, den wir seit mindestens 5 Jahren kennen, den ganzen Tag auf der Tribüne sitzen, filmen und mitschreiben wird, also bitte machts das so weiter. Aber nein: Papier muss beschrieben und gestempelt werden, dann abgeheftet und wahrscheinnlich ungelesen final vernichtet werden.

Noch besser ist aber die von uns verantwortete Panne: Die vorzulegenden Gesundheitszertifikate, die belegen, dass der Spieler grundsätzlich gesund ist und an Sportwettkämpfen teilnehmen kann, dürfen nicht älter als 2 Monate sein. Leider hatte der Deutsche Volleyballverband diese Stelle überlesen und uns mit Kopie der Gesundheitszertifikate versehen, die seit Anfang der diesjährigen Saison gelten und die, man höre und staune, zwar dafür ausreichten, dass Kira und Laura am vergangenen Wochenende das Major Turnier in Klagenfurt spielen und gewinnen konnten, aber heute reichen sie nicht aus, dass sie bei den Olympischen Spielen starten dürfen. Muss man nicht verstehen…

Ich kenne den Verantwortlichen dafür seit 20 Jahren und habe ihn auch schon behandelt: José, ein Spanier, der hier seine 7. Spiele betreut. Er kam und sagte, dass er eine Idee habe, „because we are friends“, er wollte mir ermöglichen, einfach die Zertifikate mit neuem Datum und aktuellem Stempel zu versehen, aber da spielte (die mir auch bekannte) medizinische Supervisorin nicht mit. „Sie müssen neue Zertifikate bringen“, war die Antwort und ich bekam 6 Vordrucke ausgehändigt. Okay, ich bin Arzt und kann das bescheinigen, nur: ich bin zwar der einzige offizielle Vertreter der DVV, aber ich habe keinen Verbandsstempel in der Tasche :-(.  Also darf ich die Vordrucke ausfüllen, von allen Spielern unterzeichnen lassen, dann einscannen, nach Deutschland mailen und warten, dass man dort Ausdrucke macht, diese unterzeichnet und stempelt, einscannt und mir mailt. Ich schicke sie dann an Christin, die im Mannschaftsbüro des DOSB sitzt und sie für mich ausdruckt, damich ich sie dann im Quasi Original unterschreibe und stemple (mit meinem Arztstempel, den ich wohlweislich dabei habe:-)), um dann damit  eine gute Stunde hin und eine zurück zur Copacabana zu fahren, um den Buchstaben des Regelwerks des Weltverbandes Genüge zu tun. Macht kein Spass und hätt ich nicht gebraucht, muss ich aber…und: Dankkeee!!!! Christin

Positive Neuigkeiten, Sinjin Smith kam auf mich zu und begrüßte mich überfreundlich. Für alle, die nicht wissen, wer das ist: da sind Sie in guter Gessellschaft, denn von den heutigen anwesenden Spielern kannte ihn keiner mehr. Ich empfehle Google, die wissen alles über den Mann. ER ist eine der berühmtesten Legenden des Beachvolleyball und hatte mich 1996 nach Atlanta eingeladen, weil ich ihm im Vorfeld als Turnierarzt in Deutschland sehr geholfen habe. Ich habe als junger Erwachsener einen Volleyball mit seinem Nameszug gehabt und war stolz darauf,- später kam er zu deutschen Turnieren immer etwas früher, weil er sich in meine Hände begeben wollte. So ändert sich das Leben….Sinjin ist im Weltverband eine durchaus ernst zu nehmende Größe. Vielleicht hilft uns das ja noch einmal…

22:30: Behandlungen der Spielerinnen nach dem Training stehen an. Es wird mindestens Mitternacht, bevor wir durch sind.

Ihnen zu Hause weiterhin guten Schlummer!

Ankunft der Beacher

6 Uhr ist die Nacht vorbei. Ich werde vor dem Wecker wach und beeile mich. Die Lufthansa ist pünktlich um 5:05 gelandet und der Bus mit den Athleten steht bald am Eingang. Gemeinsam mit dem Koordinator Spielsport Jürgen Barth gehe ich zum Welcome-Center, wo neben den Beachern auch die Handballer, Segler etc stehen. Nach der Gepäckdurchleuchtung erfolgt die Akkreditierung und dann sind die Spieler drin. Auch der serbische Trainer von Borger/Büthe, Srdjan Veckov, ist dabei. Wir fahren mit dem Dorfbus zur Unterkunft und die Athleten beziehen die Zimmer. Gestern habe ich noch die Dusche geputzt, weil das Hausekeepingteam nichts tut, was anstrengend ist.

Die Toilette ist natürlich nicht repariert, aber es gibt ja zwei weitere. Nach 10 Minuten sind wir wieder zusammen und haben das erste Meeting: Unsere BKA-Beamten sprechen über Sicherheitsaspekte. Dass in Rio pro Wochenende ca. 30 Menschen ermordet werden, dass die Straßenkriminalität um 30 % zugenommen hat und wie wir uns verhalten sollten.

Dann regeln wir die Kommunikation, alles auf Englisch, sonst kann Srdjan nicht folgen, verteilen das großzügige Geschenk des IOC an alle Teilnehmer, eine S7 edge-Handy. Wir fragen uns, was die Teilnehmer aus Schwarz-Afrika damit wohl tun, denn sie haben oftmals weder ein Netz noch das Geld, es zu verwenden.

Nach der Einweisung in Wäscheservice, Dopingteste, Transportwesen und Aspekte, die die interne Kommunikation und das Verhalten innerhalb der Olympiamannschaft betreffen, schreien alle nach Essen. Nach einem kleinen Rundgang, der die wichtigsten Orte im Dorf erklärt, geht es erst einmal in die DiningHall, die zunehmend voller wird.

Auf dem Weg treffen die Athleten schon Bekannte aus anderen Sportarten. In der Mensa erkennt man sich an der Kleidung und kommt mit anderen deutschen Athleten ins Gespräch. Allerdings fehlen die wirklichen Stars bisher. Die US-Basketballer residieren außerhalb des Dorfes auf einem Schiff, die Tennisasse wie Djorkovic kommen kurz ins orf und verschwinden dann wieder ins Hotel und mache kommen gar nicht erst nach Rio. Die Fußballer und -innen des DFB fliegen nicht nur Business, sondern sie leben in adäquaten Hotels, was faktisch bedeutet, dass die extern zugewiesenen Hotels als nicht gut genug befunden wurden, sondern man sich „bessere“ gesucht hat. Dazu muss man wissen, dass die ersten Spiele bereits vor der Eröffnung stattfinden und dass Fußball in Stadien verteilt über ganz Brasilien gespielt wird. Deswegen wohnen Fußballer und –innen natürlich in Hotels an den Spielstandorten, normalerweise jedenfalls. Was ich nur klar machen will: auch hier gibt es eine Mehrklassengesellschaft.

Auch wir haben Außenquartiere als Tagesunterkünfte, damit die Spieler sich mal zurück ziehen können, Besprechungen in den eigenen vier Wänden stattfinden können und damit wir, ungesehen von Gegnern, unsere Athleten behandeln können. Diese zusätzlichen Unterkünfte beziehen wir aber erst in einigen Tagen.

Nachdem die Ankömmlinge geschlafen und wir am Nachmittag Fotos gemacht haben, die der Pressesprecher in Frankfurt braucht, geht es wieder zum Essen. Die Spieler bereiten sich auf das Training vor, dass abends stattfindet. Die Gewöhnung an Flutlicht, das hier ab ca. 17:30 nötig ist, ist wichtig, denn unsere Spiele werden alle nicht bei Tageslicht stattfinden.

Sonderwünsche, wie Training am Strand, wenn am Eröffnungstag die Sportanlagen gesperrt sind, erfülle ich nebenbei. Pele, der am Strand Volleyballfelder vermietet, ist aber nicht telefonisch erreichbar. Also fahre ich mit einem Brasilianer los, um an dem Strandabschnitt nach ihm zu suchen. Der Fahrer, ein Helicopterpilot, fährt jetzt für die deutsche Delegation, weil er während der Olympischen Spiele keine Panoramaflüge machen darf, denn der Luftraum über der Stadt ist gesperrt. So verdient er wenigstens Geld.

Und er kennt sich wirklich gut aus. Obwohl wir die Olympic Lane benutzen dürfen und eine privilegierte Situation haben, dauert die Fahrt nach Ipanema über eine Stunde. Pele ist eine lokale Berühmtheit. Ich finde ihn schnell. Ein breites Lächeln mit sehr weißen Zähnen in einem schwarzen Gesicht, dazu ein muskulöser, wohlgeformter Körper, alles bekleidet mit einer kleinen schwarzen Badehose. Er ist nass, er war gerade schwimmen. Klar dass man ihn am Telefon nicht erreicht. Bei dem Wetter hat er eben fast nichts an und schon lange keinen Platz für ein Telefon. Unser Gespräch dauert 2 Minuten, dann ist klar, wann wir welche Plätze haben und wie hoch das Netz sein muss. Anschließend geht es wieder eine Stunde zurück. Auch so kann man seine Zeit rumkriegen.

Administrative Tätigkeiten runden den Tag ab. Gleich mache ich noch Sport und gehe um 21. 00 zur Sitzung der Teilmannschaftsleiter… Der Tag endet spät.

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