Endlich geht´s los

Nach dem wir den Fehler beim Einschreiben korrigieren konnten, steht nun einer Teilnahme unserer Teams nichts mehr im Wege.

Ich hatte demnach gestern vergleichsweise wenig zu tun. Morgens habe ich das Außenquartier unserer Damen übernommen, eine Privatwohnung in Ipanema.

Hier werden sich die Damen zurückziehen können und haben mehr Ruhe als im Olympischen Dorf. Gleiches erfolgte heute für das Herrenteam, das nun, 5 min Fußweg vom Stadion, ein Tagesquartier hat.

Nachteil dieses Auszugs aus dem Dorf ist, dass man das Team nicht zusammen hat. Als Teamleiter muss ich im Dorf sein, aber als Betreuer wäre ich gerne dichter dran. Die unnützen und langen Wege von mindestens 1 Std pro Richtung, die Tatsache, dass Impanema nicht vom einem Shuttle angefahren wird und jeder, egal ob Sportler zum Arzt oder Arzt zum Sportler ein Taxi braucht.

Taxen fahren aber lange, weil sie im Verkehr feststecken, der schlechter läuft, weil oftmals eine Fahrspur für Olympiafahrzeuge reserviert ist. Positiv macht sich bemerkbar, dass in Rio seit gestern Ferien sind und viele die Stadt verlassen haben.

Nachdem das Fernsehen gerade bestimmt hat, wer gegen wen in welcher Trikotfarbe spielen muss, wer welche Seite im Stadion bekommt und wir heute beim Technical Meeting den auf die Sekunde geplanten Countdown jeder einzelnen Partie nahegebracht bekamen, ist nun eigentlich alles geregelt.

Herr Gauck hat abgesagt, Herr de Maiziere auch, also kann die Deutsche Mannschaft nun hinter Timo Boll in das Stadion einlaufen. Funktionäre sollen nicht mit, einige wenige dürfen natürlich trotzdem. Ich habe es nicht geschafft unseren Physiotherapeuten Ekkehard Schurig zu einem der begehrten Marching-Pässe zu verhelfen. Also geht von uns niemand hin. Die Spieler nicht, weil sie in den ersten zwei Tagen danach sopielen müssen, Die Funktionäre aus eben geschilderten Gründen auch nicht. Also machen wir ein Teamtreffen im Deutschen Haus und schauen dort fern.

Zum Verständnis: Einmarsch bedeutet um 17:45h loszugehen, in den Bus zu steigen, dann in die Nebenhalle des Maracana-Stadions gefahren zu werden und dort nach Alphabet aufgereiht zu warten bis der Einmarsch beginnt. Dumm dass Alemanha ziemlich vorne im Alphabet kommt und wir früh einlaufen, aber dann lange stehen müssen. So um 2 Stunden muss man rechnen. Danach darf man sich die Reden anhören, die die Spiele eröffnen, sieht das Olympische Feuer entflammen und bekommt abschließend ein Feuerwerk zu sehen. Dann strömen 10000 Athleten zu den Bussen und werden zurück ins Dorf gebracht. Voraussichtliche Rückkehr: Nach Mitternacht.

Das schlaucht einen dermaßen, dass aus sportfachlicher Sicht ein Einmarsch für alle, die in den ersten 2 Tagen Wettkampf haben, nicht empfohlen wird. Manche tun es trotzdem und müssen dann die sportlichen Konsequenzen tragen.

Das Deutsche Haus ist traditionell die Begegnungsstätte, die der DOSB mit den Sponsoren betreibt und wo sich jeder, der sich für wichtig genug hält und einen Promistatus hat und zusätzlich einen Einladung ergattern kann, sehen lassen kann und reichlichst bewirtet wird. Alle Pressekonferenzen, alle Präsentationen von Medaillengewinnern, alle Ehrungen etc. finden hier statt und man trifft alle Athleten, Funktionäre, Industriebosse, Promis und ehemalige Olympioniken und kann durchaus nette Bekanntschaften machen und Kontakte pflegen. Auch das Fernsehen dreht hier und ich habe gestern unsere beiden Beach-Olympiasieger aus London mit ihren jeweiligen Fernsehkollegen getroffen.

Im Deutschen Haus haben alle Akkreditierte Zugang und können, wie wir finden, endlich mal wieder gut essen. Bei keinen Olympischen Spielen war das Essen qualitativ so schlecht wie hier im Dorf. Inzwischen bekommt die Deutsche Mannschaft Brot aus dem Deutschen Haus geliefert, damit man sich wenigstens auf das Frühstück freuen kann.

Unsere Unterkunft bleibt eine Baustelle, im Eingangsbereicht steht ein Eimer, der das aus dem Loch in der Decke tropfende Wasser auffängt, während die Klempner seit 2 Tagen nicht in der Lage sind, dass Leck zu beseitigen.

Olympia ist und bleibt Improvisation und Vertrauen, dass es auch schlimmer kommen könnte.

In diesem Sinne gehen wir voll Vertrauen in das erste Spiel morgen.

Von Prominenten und Missgeschicken

Heute kame der Rest an… Der Rest besteht aus unserer Medaillenhoffnung Kira und Laura, ihrem Traininer Jürgen Wagner und Ekke Schurig unserem Physiothearapeuten, der uns auch schon in Peking betreut hat.

Also 6:00 Uhr aufstehen, ab 6:30 Uhr saß ich im Welcomecenter. Same procedure like yesterday. Alle kamen heile an und hatten Hunger. Danach erfolgte die obligatorische Einweisung und der Bezug der Zimmer. Fotos für den Pressesprecher wurden ebenso abgearbeitet, wie erste Besprechungen und Einteilungen. Zum Mittag ging ich mit Jürgen und Kira und auf dem Rückweg lief und der IOC Präsident Dr. Thomas Bach höchst persönlich über den Weg. Umringt von Bodygard und andern, mir unberkannten Menschen, kam er gerade vonder Einweihung einer Gedenkstätte im Olympischen Dorf, an der den Opfern der Olympiabewegung (z.B. München 1972, Atlanta 96) gedacht werden kann. Ganz Politiker, ging er auf uns zu, nachdem er uns an der Uniform(en)Kleidung als Deutsche identifizieren konnte. Shake Hands und dann die Lobeshymne, es sei das beste Olympische Dorf das es je gegeben hätte, und alle seien so zufrieden, wie gut es sei, usw. Mein Einwand, der Kraftraum sei ein bißche zu klein geraten, ließ ihn verstummen und die letzten 100 m schweigend zu seinem Fahrzeug zurücklegen. Vielleicht hätte ich aus diplomatischen Gründen nichts sagen sollen, aber eigentlich hatte mir auf der Zunge gelegen, ihn zu fragen, wer ihn eigentlich so den ganzen Tag anlügt, damit er das glaubt, was er sagt. Die Probleme sind hier keineswegs behoben, das Essen ist kalt und es gibt keine ausreichende Zahl an Ausgabestellen, im Bereich Sicherheit tut sich wenig, die Leitungen streiken, Wasserrohrbrüche sind tägliche Realität, der Kraftraum ist 1/3 so groß wie der in Athen, von Peking und London ganz zu schweigen. Ich kam gestern gar  nicht rein zum Training, es gab einfach keine freien Geräte.

Okay, die Wohnanlage ist kompakt geplant und inclusive Parkanlage, Spielplätzen und Sportplätzen sehr gut konzipiert. Ich würde mir wünschen, dass in deutschen Wohnanlagen nicht nur an Tiefgaragen, sondern auch an Fußballplätze, Tennisplätze, eine Lauf- und Radstrecke innerhalb der Wohnanlage gedacht würde. In Brasilien ist es normal, dass es öffentliche Sportstätten für jedermann da gibt, wo man lebt. In sofern kann man dem IOC Präsidenten zustimmen.

Der Nachmittag erschöpfte sich in ärztlicher Tätigkeit und Administration und gegen 16:10 Uhr fuhr der Bus an die Copacabana. Pünktlich dank Olympic Lane stiegen wir wie immer aus dem Bus (Sicherheitszone???) und sollten dann durch eine Röntgenschleuse. Wäre zumindest grundsätzlich schon mal ganz gut gewesen, wenn man dann auch noch die Akkreditierungen kontrolliert hätte. Allerdings begriff einer der Soldatenm, dass wir aus dem Buss kamen und winkte uns unkontrolliert durch. Jeder, der sich einen Trainingsanzug angezogen hätte, wäre auf das Gelände gekommen, ohne Röntgen und ohne Akkreditierung.

Nachdem sich die Neuankömmlinge das Arreal angesehen hatten, machten wir ein Gruppentreffen und regelten die noch offenen Fragen. Dann schafften wir es, ein Mannschaftsfoto mit allen hinzubekommen.

Anschließend mussten die Teams und ich zur Einschreibung. Erstmals im Leben der Sportler, die noch nie bei Olympischen Spielen waren, wurden die Identitäten anhand der Pässe kontrolliert. Sonst reicht bei allen Turnieren, dass man kommt und sagt, wer man ist. Dann mussten die Formulare vorgelegt werden, die regeln, wer welche Rechte hat und wer sich welchen Regeln wie zu unterwerfen hat. Dann wurden unsere Kameras mit einem Klebchen versehen, das uns berechtigt, damit zu filmen… Dinger gibt´s … – was sonst soll man damit tun? und – wenn es um Gefährdung geht, hätte ja mal jemand die Kamera in die Hand nehmen und checken können. Es geht darum, dass man anmelden muss, dass man die Spiele aufnimmt, was inzwischen jede Nation für sich tut, um dann das Bildmaterial sportlich und taktisch auzuwerten, typische Gegenerbeobachtung eben. Man hätte ja auch einfach sagen können, „wir wissen, dass ihr das seit vielen Jahren macht und dass Euer Videoscout, den wir seit mindestens 5 Jahren kennen, den ganzen Tag auf der Tribüne sitzen, filmen und mitschreiben wird, also bitte machts das so weiter. Aber nein: Papier muss beschrieben und gestempelt werden, dann abgeheftet und wahrscheinnlich ungelesen final vernichtet werden.

Noch besser ist aber die von uns verantwortete Panne: Die vorzulegenden Gesundheitszertifikate, die belegen, dass der Spieler grundsätzlich gesund ist und an Sportwettkämpfen teilnehmen kann, dürfen nicht älter als 2 Monate sein. Leider hatte der Deutsche Volleyballverband diese Stelle überlesen und uns mit Kopie der Gesundheitszertifikate versehen, die seit Anfang der diesjährigen Saison gelten und die, man höre und staune, zwar dafür ausreichten, dass Kira und Laura am vergangenen Wochenende das Major Turnier in Klagenfurt spielen und gewinnen konnten, aber heute reichen sie nicht aus, dass sie bei den Olympischen Spielen starten dürfen. Muss man nicht verstehen…

Ich kenne den Verantwortlichen dafür seit 20 Jahren und habe ihn auch schon behandelt: José, ein Spanier, der hier seine 7. Spiele betreut. Er kam und sagte, dass er eine Idee habe, „because we are friends“, er wollte mir ermöglichen, einfach die Zertifikate mit neuem Datum und aktuellem Stempel zu versehen, aber da spielte (die mir auch bekannte) medizinische Supervisorin nicht mit. „Sie müssen neue Zertifikate bringen“, war die Antwort und ich bekam 6 Vordrucke ausgehändigt. Okay, ich bin Arzt und kann das bescheinigen, nur: ich bin zwar der einzige offizielle Vertreter der DVV, aber ich habe keinen Verbandsstempel in der Tasche :-(.  Also darf ich die Vordrucke ausfüllen, von allen Spielern unterzeichnen lassen, dann einscannen, nach Deutschland mailen und warten, dass man dort Ausdrucke macht, diese unterzeichnet und stempelt, einscannt und mir mailt. Ich schicke sie dann an Christin, die im Mannschaftsbüro des DOSB sitzt und sie für mich ausdruckt, damich ich sie dann im Quasi Original unterschreibe und stemple (mit meinem Arztstempel, den ich wohlweislich dabei habe:-)), um dann damit  eine gute Stunde hin und eine zurück zur Copacabana zu fahren, um den Buchstaben des Regelwerks des Weltverbandes Genüge zu tun. Macht kein Spass und hätt ich nicht gebraucht, muss ich aber…und: Dankkeee!!!! Christin

Positive Neuigkeiten, Sinjin Smith kam auf mich zu und begrüßte mich überfreundlich. Für alle, die nicht wissen, wer das ist: da sind Sie in guter Gessellschaft, denn von den heutigen anwesenden Spielern kannte ihn keiner mehr. Ich empfehle Google, die wissen alles über den Mann. ER ist eine der berühmtesten Legenden des Beachvolleyball und hatte mich 1996 nach Atlanta eingeladen, weil ich ihm im Vorfeld als Turnierarzt in Deutschland sehr geholfen habe. Ich habe als junger Erwachsener einen Volleyball mit seinem Nameszug gehabt und war stolz darauf,- später kam er zu deutschen Turnieren immer etwas früher, weil er sich in meine Hände begeben wollte. So ändert sich das Leben….Sinjin ist im Weltverband eine durchaus ernst zu nehmende Größe. Vielleicht hilft uns das ja noch einmal…

22:30: Behandlungen der Spielerinnen nach dem Training stehen an. Es wird mindestens Mitternacht, bevor wir durch sind.

Ihnen zu Hause weiterhin guten Schlummer!

Ankunft der Beacher

6 Uhr ist die Nacht vorbei. Ich werde vor dem Wecker wach und beeile mich. Die Lufthansa ist pünktlich um 5:05 gelandet und der Bus mit den Athleten steht bald am Eingang. Gemeinsam mit dem Koordinator Spielsport Jürgen Barth gehe ich zum Welcome-Center, wo neben den Beachern auch die Handballer, Segler etc stehen. Nach der Gepäckdurchleuchtung erfolgt die Akkreditierung und dann sind die Spieler drin. Auch der serbische Trainer von Borger/Büthe, Srdjan Veckov, ist dabei. Wir fahren mit dem Dorfbus zur Unterkunft und die Athleten beziehen die Zimmer. Gestern habe ich noch die Dusche geputzt, weil das Hausekeepingteam nichts tut, was anstrengend ist.

Die Toilette ist natürlich nicht repariert, aber es gibt ja zwei weitere. Nach 10 Minuten sind wir wieder zusammen und haben das erste Meeting: Unsere BKA-Beamten sprechen über Sicherheitsaspekte. Dass in Rio pro Wochenende ca. 30 Menschen ermordet werden, dass die Straßenkriminalität um 30 % zugenommen hat und wie wir uns verhalten sollten.

Dann regeln wir die Kommunikation, alles auf Englisch, sonst kann Srdjan nicht folgen, verteilen das großzügige Geschenk des IOC an alle Teilnehmer, eine S7 edge-Handy. Wir fragen uns, was die Teilnehmer aus Schwarz-Afrika damit wohl tun, denn sie haben oftmals weder ein Netz noch das Geld, es zu verwenden.

Nach der Einweisung in Wäscheservice, Dopingteste, Transportwesen und Aspekte, die die interne Kommunikation und das Verhalten innerhalb der Olympiamannschaft betreffen, schreien alle nach Essen. Nach einem kleinen Rundgang, der die wichtigsten Orte im Dorf erklärt, geht es erst einmal in die DiningHall, die zunehmend voller wird.

Auf dem Weg treffen die Athleten schon Bekannte aus anderen Sportarten. In der Mensa erkennt man sich an der Kleidung und kommt mit anderen deutschen Athleten ins Gespräch. Allerdings fehlen die wirklichen Stars bisher. Die US-Basketballer residieren außerhalb des Dorfes auf einem Schiff, die Tennisasse wie Djorkovic kommen kurz ins orf und verschwinden dann wieder ins Hotel und mache kommen gar nicht erst nach Rio. Die Fußballer und -innen des DFB fliegen nicht nur Business, sondern sie leben in adäquaten Hotels, was faktisch bedeutet, dass die extern zugewiesenen Hotels als nicht gut genug befunden wurden, sondern man sich „bessere“ gesucht hat. Dazu muss man wissen, dass die ersten Spiele bereits vor der Eröffnung stattfinden und dass Fußball in Stadien verteilt über ganz Brasilien gespielt wird. Deswegen wohnen Fußballer und –innen natürlich in Hotels an den Spielstandorten, normalerweise jedenfalls. Was ich nur klar machen will: auch hier gibt es eine Mehrklassengesellschaft.

Auch wir haben Außenquartiere als Tagesunterkünfte, damit die Spieler sich mal zurück ziehen können, Besprechungen in den eigenen vier Wänden stattfinden können und damit wir, ungesehen von Gegnern, unsere Athleten behandeln können. Diese zusätzlichen Unterkünfte beziehen wir aber erst in einigen Tagen.

Nachdem die Ankömmlinge geschlafen und wir am Nachmittag Fotos gemacht haben, die der Pressesprecher in Frankfurt braucht, geht es wieder zum Essen. Die Spieler bereiten sich auf das Training vor, dass abends stattfindet. Die Gewöhnung an Flutlicht, das hier ab ca. 17:30 nötig ist, ist wichtig, denn unsere Spiele werden alle nicht bei Tageslicht stattfinden.

Sonderwünsche, wie Training am Strand, wenn am Eröffnungstag die Sportanlagen gesperrt sind, erfülle ich nebenbei. Pele, der am Strand Volleyballfelder vermietet, ist aber nicht telefonisch erreichbar. Also fahre ich mit einem Brasilianer los, um an dem Strandabschnitt nach ihm zu suchen. Der Fahrer, ein Helicopterpilot, fährt jetzt für die deutsche Delegation, weil er während der Olympischen Spiele keine Panoramaflüge machen darf, denn der Luftraum über der Stadt ist gesperrt. So verdient er wenigstens Geld.

Und er kennt sich wirklich gut aus. Obwohl wir die Olympic Lane benutzen dürfen und eine privilegierte Situation haben, dauert die Fahrt nach Ipanema über eine Stunde. Pele ist eine lokale Berühmtheit. Ich finde ihn schnell. Ein breites Lächeln mit sehr weißen Zähnen in einem schwarzen Gesicht, dazu ein muskulöser, wohlgeformter Körper, alles bekleidet mit einer kleinen schwarzen Badehose. Er ist nass, er war gerade schwimmen. Klar dass man ihn am Telefon nicht erreicht. Bei dem Wetter hat er eben fast nichts an und schon lange keinen Platz für ein Telefon. Unser Gespräch dauert 2 Minuten, dann ist klar, wann wir welche Plätze haben und wie hoch das Netz sein muss. Anschließend geht es wieder eine Stunde zurück. Auch so kann man seine Zeit rumkriegen.

Administrative Tätigkeiten runden den Tag ab. Gleich mache ich noch Sport und gehe um 21. 00 zur Sitzung der Teilmannschaftsleiter… Der Tag endet spät.

Copacabana

Ich bin gestern erstmals an unserer Wettkampsstätte gewesen. Die Busfahrt hat dank eröffneter Olympic Lanes in einer Stunde geklappt. Vom Sicherheitskonzept (Bubble to Bubble) das vorsah, dass wir aus der sicheren Zone (Dorf) in die sichere Zone (Wettkampfstätte) gefahren werden, ist nicht viel übrig. Der Bus hält an der Strasse inmitten der Bevölkerung. Wir müssen dann ein paar Schritte zu einer Sicherheitsschleuse gehen und werden dort erneut durchsucht und gecheckt. Ob das während des aktiven Wettkampfes auch so ist? -keine Ahnung, aber ich werde es auf dem Technical Meeting thematisieren. Noch besser war die Rückfahrt. Nach einigem Stau auf der Uferstrasse, wir waren in 15 Min vielleicht 300 m weit gekommen, da klopft es an der Bustür. Der Busfahrer öffnet und es steigt ein Pole ein, ein ordentlich akkreditierter Olympiafunktionär.

NUR: Das konnte der Busfahrer weder wissen, noch kann er die Gültigkeit der Akkreditierung ohne elektronische Abfrage der Datenbank prüfen. Es hätte auch ein Terrorist sein können. Glück gehabt???

Die Veranstaltungsstätte ist, wie erwartet nicht fertig. Es wird noch gebaut und Kabel verlegt, aber immerhin gibt es Sand an dem Strand und zwar genormten vorschriftsmäßigen Beachvolleyballsand, den man dort aufgeschüttet hat.

Sicherheit? Nun: der Zaun ist eine doppelter Bauzaun. Dazwischen laufen alle Versorgungskabel. Direkt an der Promenade. Jeder im Gelände ist eine doppelte Armlänge von denen draußen entfernt. Der Zaun ist so hoch, dass niemand drüber kann, aber reinwerfen können sogar Kinder etwas. z.B. Handgranaten? Ich finde,  dass die Absperrung zwar zum Abhalten derer ausreicht, die nicht bezahlt haben, aber es gibt, Stand gestern, nicht einmal einen Sichtschutz. Die Veranstaltung unterscheidet sich bzgl. der Absperrung kaum von der WM 2003, die an gleicher Stelle stattfand.

Nun zum Aufbau: Das Stadion ist imposant, die olympischen Ringe thronen über allem und wer Plätze oben hat, kann auf´s Meer schauen. Distanz zum Wasser: keine 50 m. Es gibt zwei kleine Lounges für Athleten, die derzeit auf gefühlte 16 Grad runtergekühlt werden. Dann gibt es natürlich eine Olympic Family Lounge für die, die eine „6“ auf der Akkreditierung haben. Das sind die Privilegierten, die in irgendeiner IOC-Funktion stehen oder eingeladen sind. Diese Lounge ist geschätzt 8 x größer als die Athletenlounge und hat nicht nur, wie wir, Kühlschränke für Softdrinks und Wasser, sondern auch Kühltruhen für Bier eines Sponsors.

Die Außencourts zun Training und der Court 1 sind solide und gut. Court 1 hat eine kleine Tribüne, dort werden die lucky loser Spiele ausgetragen. Man geht auf befestigeten Laufwegen und natürlich ist genau vorgeschrieben, wer wo sein darf und wer was fotografieren darf. Als ich die Mixed Zone aufsuchte und dort Bilder machte (was ganz eindeutig nicht erlaubt ist) kamen tatsächlich 2 bewaffnete Nationalgardisten und baten uns höflich, aber bestimmt, raus.

Der Rückweg ins Dorf dauerte mit 75 Min länger.

Auch bei der Rückkehr ins Dorf wird der Bus nicht gecheckt. Er fährt an die Schleuse, wir steigen aus, werden erfasst und gecheckt, lassen alle Taschen durchleuchten und sind drin. Ängste, wie in London oder China, jemand könnte im Stadtverkehr einen Sprengsatz an den Bus heften, die gibt´s hier scheinbar nicht.

Abends bin ich mit dem Herren Hockeyteam zum Traininig gefahren und habe ein Testspiel gegen Australien gesehen. Zumindest da funktionierte das Bubble to Bubble. Und die Jungs sind echt cool drauf. Sie haben einen Ghettoblaster mit Lichtorgel dabei und im Bus geht´s schon ab. Im Spiel gab zwar einen auf die Nuss- aber Australien als Geheimfavorit für die Goldmedaille schien mir doch bezwingbar. Wenn´s um alles geht, werden die Jungs noch eine Schippe drauflegen können.

Nun kümmere ich mich um die Zimmer, morgen früh, für mich vor dem Aufstehen, landen die ersten Teams und ich muss sie empfangen und einweisen. Bis später!

 

Olympisches Dorf (OLV = Olympic Village)

Olympische Dörfer werden schon seit langem als dauerhafte Investition in die ausrichtende Stadt und ihre Infrastruktur betrachtet. Um ca. 15000 Menschen unterzubringen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen, werden neben Unterkünften auch Tiefgaragen, Swimmingpools, Straßen und Parkplätze, Parkanlagen und Haltestellen für den ÖPNV geplant und gebaut.

Da die Nachnutzung von weniger Menschen erfolgt, sind die Kapazitäten angepasst. Während der Olympischen Spiele gibt es im Dorf z.B. nur Autos von Sicherheitskräften, der Feuerwehr, externen Dienstleistern, einige Golfcarts sowie einen endlos fahrenden Bus, der das Dorf innerhalb der Zäune umkreist und alle 200-300 Meter hält und Athleten, mit oder ohne Gepäck, transportiert, – kostenlos versteht sich.

Der Bau von Wohnungen ist nicht billig, also wird nach einer Finanzierung gesucht.

So auch in Rio 2009, als der Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele in Kopenhagen verkündet wurde.

Damals war Brasilien ein boomendes Land, steigende Wirtschaftsleistung, steigender Wohlstand, alles basierend auf Öl und Landwirtschaft.

Der Plan der Brasilianer: wir bauen die ersten 5 Hochhäuser mit je 18 Stockwerken zu 8 Wohnungen. Vom Verkauf dieser finanzieren wir die nächsten Gebäude.

So gut sich der Plan anhörte, er versagte. Der Einbruch des Ölpreises, die gebremste Weltwirtschaft wurde den Planern zum Verhängnis. Als das Geld in Brasilien knapp wurde, fanden sich nicht ausreichend Käufer für die bereits gebauten Luxuswohnungen.

In der Folge wurde unter dem Druck, zu den Spielen fertig sein zu müssen, mit minderwertigeren Materialien gebaut, vieles eher provisorisch zusammengeschustert, – es geht sogar das Gerücht von Sabotage durch nicht anständig bezahlte Arbeiter – , so dass mit Eröffnung des Olympischen Dorfes einfach vieles nicht fertig war.

Die Deutsche Delegation, die früh genug hier war, hat das Gleiche erlebt, wie die Australier, es aber nicht kommuniziert. Stattdessen haben sie eine der wenigen noch greifbaren Firmen beauftragt, die Instandsetzung der „deutschen“ Appartements zu übernehmen. Es gibt zwar immer noch leckende Leitungen, Verstopfungen der Abflüsse, fehlende Möbelstücke etc, die Elektrik und Elektronik scheint aber nun zu funktionieren und nachdem wir gestern einen Evakuierungsplan bekommen haben, ist auch der nächtliche Feueralarm ausgeblieben.

Nun, 5 Tage vor Beginn der Spiele, füllt sich das Dorf zusehends, und alle haben mehr oder weniger gelernt, mit den Provisorien zu leben. Dass man eine Wohnung gänzlich ohne Tisch und Stühle anbietet, ist übrigens keine typisch brasilianische Eigenschaft. Das gab es auch in London und Peking. Dass es jemanden gibt, der nicht nur schläft, isst und Sport treibt, sondern dass es auch nicht wenige gibt, die im Hintergrund richtig arbeiten als Trainer, Teamleiter oder Veraltungsangestellter, als Logistiker, Ticketverwalter, Arzt oder Physiotherapeut und dass es ohne diese Menschen nicht geht, das wird kaum berücksichtigt. Was nützt mir WLAN – ein Netz pro Etage mindestens – wenn ich keinen Tisch habe, auf dem ich arbeiten kann?

Dem DOSB sei Dank, die jahrelange Erfahrung zahlt sich aus. Wirklich wichtige Dinge werden geregelt, auch mit Hilfe von Freiwilligen, die portugisisch sprechen.

Ich habe also einen Tisch und 3 Stühle ergattert, ein Kühlschrank steht nun auch bei uns und ein TV wartet darauf, dass es jemand anschließen kann.

So gesehen geht es uns doch gut.

Draußen vor den Toren des Dorfes, dass deutlich weniger gesichert ist als das jeweilige OLV von London oder Peking, ist der brasilianische Alltag zu Hause. Graffiti auf allen Schildern und Hauswänden, Müll an der Straße, einige erbärmlich stinkende Rinnsale durchziehen das ehemalige Sumpfgebiet, in das jetzt ein neuer Stadtteil gebaut wurde. Daneben aber Shopping Malls gigantischer Größe. In Brasilien ist, anders als in Peking, nichts verdeckt oder abgeschirmt, das das Image von Brasilien belasten könnte. Während in China nach dem Regen sogar die Häuser von außen trockengewischt wurden, damit es „schöne“ Bilder gibt, während in Peking ganze Straßenzüge hinter meterhohen und kilometerlangen Abdeckungen verschwanden, geht hier in Rio das Leben normal weiter, für die allermeisten zumindest.

Der Bauzaun, der das OLV umgibt ist zwar doppelt, aber nur in Träger gesteckt und nicht wirklich widerstandsfähig. Man setzt hier eher auf Manpower. Die Forza Nacional, als brasilianische Militär steht mit scharf geladener Maschinenpistole vor den Gebäuden, an den Eingängen ins Dorf und vor neuralgischen Punkten, wie z.B. die Unterkunft der Israelis, die tradionell seit München 1972 besonders abgeschirmt werden. Die Maschinenpistole ist mit dem Schulterstück an den Leib des Soldaten gekettet, damit niemand sie ihm entreißen und ein Blutbad anrichten kann. Auch eine Lösung…

 

Ich kann ja erst die wenigen Tage beurteilen, die ich jetzt da bin und vielleicht ändert es sich noch einmal, wenn die Spiele eröffnet sind, aber ich empfinde keine Unsicherheit. Ich habe schon in London und Peking die Sicherheitsmaßnahmen als unzeitgemäß betrachtet. Kein Terrorist wird heute ein Olympisches Dorf angreifen. Eher sind die Wettkampfstätten Ziele. Lohnenswerter erscheint mir ein Angriff auf einen Athletenbus im Stadtverkehr. Denn die Wege vom Dorf zum Wettkampf können nicht vollständig gesichert werden.

Was ist also zu tun?

Positiv denken, wachsam sein, und einfach auf das konzentrieren, weswegen wir das hier machen.

Am Ende sollte der sportliche Erfolg stehen, das Lächeln, wenn einem klar wird, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Dafür arbeiten wir als Team.#wirfüerD

Erster Arbeitstag

Aufstehen 7:00 Uhr, zum Frühstück muss man laufen, ca. 500m. Die eiskalte Dininghall ist voll, lange Schlangen von Kaffeeautomaten, Brotauswahl ist übersichtlich, aber es gibt, wie erwartet tatsächlich glutenfreies Brot. Ansonsten alles wie erwartet, zu wenig Personal,  noch zu wenige Stationen geöffnet, der Geschmack ein bißchen enttäuschend.

Zurück im Mannschaftsbüro empfange ich die Schlüssel der anderen Appartements, Fernbedienungen für die Klimaanlagen, 30 Pins für jeden Athleten und Funktionär. Im Laufe des Tages kann ich einen Tisch und 3 Stühle organisieren, einen Kühlschrank, ein TV. Ich lasse die Physiotherapieliege ins Appartement bringen und buche die Traininigszeiten für alle Teams bis zum 11.August im Voraus. Ein Teamleitermeeting mit Rundgang gleich morgens hat geholfen, sich zurecht zu finden.

Dann begebe ich mich auf die Suche nach einer Station, die Videos der Wettkämpfe aufzeichnet und zur Verfügung stellt. Ich scheine ein Problem aufzudecken, – denn das, was in London noch selbstverständlich war, gibt es nicht. Das kommt aber erst nach verschiedenen Versuchen beim SID (Sports-Information Desk) und bei NOC-Helpdesk, bei der Pressestelle und im Mannschaftsbüro raus. Problem vertagt.

Gelöst ist dagegen mein Akkreditierungsproblem: Als Teamleiter habe ich zwar eine wichtig Funktion, jedoch darf ich die Funk-und Fernsehanstalten und das Gebäude der schreibenden Presse nicht betreten. Also werde ich Pressattaché, nun darf ich das, aber keiner nimmt mich mit dem Titel mehr ernst. So ist es nun mal, nicht alles ist logisch, und eine Doppelfunktion oder wie in meinem Fall Dreifachfunktion als Arzt, Teamleiter und Presseverantwortlichen kommt in den Köpfen nicht vor.

Ach ja- Wetter gibts hier auch: teils sonnig, teils bewölkt zwischen 20 und 25 Grad, kein Regen – dafür aber Mücken. Ich habe heute beim Feueralarm eine entdeckt und platt gemacht – erster Blutfleck an den neuen Wänden – oh Schreck. Das Tier scheint mich gestochen zu haben im Schlaf, aber ich weiß nicht wo, es juckt nichts. Also bleibt zu hoffen, dass Zika und Dengue oder Gelbfieber nicht in diesem ersten Opfer vorhancden waren.

Ankunft in Rio

In Madrid und auf dem Flug nach Rio gab es keine Komplikationen. Im Liegendtransport lässt sich die Strecke gut bewältigen. Nach dem Lunch mit ein bißchen Wein schlafe ich gut und wache auf, als der Bildschirm exakt Halbzeit anzeigt. 5200 miles Gesamtdistanz. Und 4 MB freie Download-Kapazität im WLAN. Ich bekomme SMS und kann mich aus der Luft mitten über dem Atlantik in die Behandlung von Kira einmischen, die zeitgleich in Klagenfurt im Halbfinale steht, aber gesundheitlich angeschlagen ist. Nach einem kleinen Abendimbiss landen wir 20 Minuten vor dem Zeitplan.

Ich stürme aus der Maschine und beeile mich. Einreise mit Passformalitäten kann dauern, das weiß ich aus Erfahrung, deswegen gebe ich Hackengas. Es ist etwa 1 Kilometer, den ich laufen muss, und in den leeren Gängen treffe ich genau 2 Arbeiter und einen Sicherheitsbeamten. An der Passkontrolle laufe ich auf eine argentinische Delegation auf, es dauert aber unerwartet kurz bis ich dran bin. Irgendwelche Unstimmigkeiten lassen die Beamtin mit meiner vorläufigen Akkreditierung und dem Reisepass verschwinden, aber als sie nach 3 Minuten wieder da ist, ist scheinbar alles ok. Ich bekomme die Stempel und kann weiter zum Gepäckband. Meine Koffer stehen schon abseits, offensichtlich sind sie aufgefallen durch die Medizin, die man beim Durchleuchten gefunden hat. Jedenfalls warte ich nicht auf mein Gepäck, sondern bin mit Trolly in der Lage sofort zum Ausgang zu gehen. Zollkontrolle und Probleme beim Einführen von Medikamenten, wie vorher immer gewarnt: Fehlanzeige.

Am Ausgang erwartet mich eine Horde Fotografen und Kamerateams. Aber ich bin nicht das Ziel ihres Wartens. Keine Kamera klickt, kein Kopf wendet sich. Ich werde als nicht als potentieller Olympionike eingeschätzt und muss mich erst energisch an einen der bunt behemdten Volontiers wenden. Nach meiner Akkreditierung gefragt, weiten sich seine Pupillen, „Teamleader“ und „Germany“ sind die Worte, die er liest und laut wiederholt. Seine Haltung strafft sich und ich werde hinter die Absperrung gewunken. Die Türen öffnen sich und man bittet mich zu einem wartenden Bus.. Helfende Hände laden das Gepäck ein, und ich kann einsteigen. Bis jetzt bin ich einziger Businsasse. Rio beginnt gerade dunkel zu werden und es ist erst 17:30. Außerdem liegt eine dicke Wolkendecke über dem Flughafen.

Langsam füllt sich der Bus, ich bin gespannt wie lange wir warten und wie lange dann die Fahrt durch das abendliche Rio dauert. Der Flughafen ist ganz im Norden und das Olympische Dorf im Südwesten. Ich habe was von 48 km gelesen, und rechne mit 2 Stunden Fahrzeit.

Nach 90 Minuten ist alles erledigt, ich bin akkreditiert und im deutschen Hochhaus angekommen.

Eine Begrüßungsorgie mit all denen, die man alle paar Jahre mal sieht und mit denen einen dennoch viel gemeinsam Erlebtes verbindet, folgt.

Das Zimmer, das ich bekomme ist immerhin erstmals ein Einzelzimmer (6qm) mit eigener Dusche und WC. Erreichbar durch die Küche, die bislang aus einem Waschbecken und einem Durchlauferhitzer besteht. Das Bett ist gut, es gibt einen (abschließbaren) Nachtschrank und den Kleiderschrank. Stuhl, Tisch, Nachttischlampe suche man vergebens, ebenso einen Spiegel im Bad. Der Kleiderschrank ist aus Plastikgewebe, das mit einem Gestänge aufgespannt ist, nichts ist zu verschließen.

Ich schleppe meine Sachen in den gefliesten (Küchen-)Vorraum und geht erstmal eine Runde machen, orientieren, essen in der Main Dining Hall, in der es statt der draußen herrschenden 21 Grad etwa 17 Grad kalt ist. Nur wenige Athleten und offizielle sind bis jetzt da, dennoch schein das Küchenpersonal etwas überfordert.

Die Besonderheit von Olympia, dass man sehr variantenreich 24 Stunden täglich frisches Essen bekommt, ist hier noch nicht ganz umgesetzt. Die Erzählungen der ersten, die hier ankamen belegen aber, dass sich alles bessert, langsam zwar, aber immerhin. Ich bin guter Hoffnung und falle dann müde ins Bett.

Bis um 3 Uhr nachts geht alles gut, dann weckt mich ein schriller an- und abschwellender Ton. Feueralarm! Ich stehe schlaftrunken auf und bemühe den Zimmerschlüssel, um in der Hausflur zu gelangen. Ich öffne die Tür und das Pfeiffen wird lauter, außerdem sind Lichtblitze zu sehen. So plötzlich, wie es angefangen hat, hört es auf. Wie von Geistern gesteuert verstummt das Geräusch und die Blitze sind weg.

Einer der BKA-Beamten, die mit in meinem Appartement wohnen kommt raus und klärt mich auf: WWenn es pfeifft, Ruhe bewahren. Wir sind im 2 Stock und kommen notfalls vom Balkonaus raus. „ Außerdem hat es in den letzten Nächten mehrfach Fehlalarme gegeben.

Wir gehen wieder zu Bett, um in der folgenden Stunde 3 x erneut geweckt zu werden. Hier brennt nichts – aber was wäre, wen doch???

Anreise nach Rio

Um es vorweg zu nehmen, ich reise gerne und viel. Ich kenne mich aus und habe den Vorteil eines Status bei einer Fluglinie. Und nein, es ist nicht die mit dem Kranich, obwohl mein Sohn für die arbeitet und ich als leiblicher Vater bestimmte Vorteile hätte.

Man bekommt als Olympiateilnehmer den Flug nach Rio via Frankfurt in der Holzklasse bezahlt. Und es gibt für die Olympiateilnehmer sogar einen extra Schalter in Frankfurt.

Auch mit zu viel Gepäck gibt es nie Ärger. Aber: während 2008 Nowitzki und Co ebenfalls in der Eco reisen sollten und von barmherzigen Stewardessen dann in die Businessclas upgegradet wurden, gibt es diesmal anscheinend eine der Anatomie angepasste Sitzverteilung.

Leider gilt die nicht für Teilmannschaftsleiter oder Ärzte, nicht einmal wenn man, wie in meinem Fall, beides ist.

Ein Upgrade auf Premium-Eco sollte 1600 €, in die Businessclass 3400€ kosten – one way!!! Macht also nur um bei einem Nachtflug (Ab FFM 22 Uhr, an Rio 5 Uhr Ortszeit) schlafen zu können, hin und zurück 6800€ für ein Upgrade. Dafür hätte man zeitgleich im Internet einen ganzen Businessflug bekommen. Immerhin wird einem der Kostenanteil für einen Ecoflug erstattet, wenn man die Anreise selbst organisiert und bezahlt. Also klare Sache, mit Iberia kostet die Reise in der Businessclass 56oo€, abzüglich der Ecokosten bleibe ich auf rund 4300€ sitzen, plus Hotel in Düsseldorf, weil ich aus HH nicht rechtzeitig nach Madrid gekommen wäre… unverständlich?

Also: ich habe meinen Flug bei Iberia ab Düsseldorf nach Madrid, von dort nach Rio und nur beim Rückflug kann ich aus Madrid direkt nach HH fliegen. Um den frühen Zubringer nach Madrid, (ab DUS 8:00 Uhr) zu bekommen, fliege ich am Donnerstag nach DUS, schlafe dort und fliege am Freitag weiter.

Die Posse an allem: Obwohl ich einen Status habe und damit mein zweites Gepäckstück nach Düsseldorf aufgeben kann, muss ich 50€ Übergepäck bezahlen (5 kg ist der Medizinkoffer zu schwer). Kulanz gibt es auch für Vielflieger nicht mehr.

Und was man auch wissen muss: Ich kann meine Medizinkoffer nicht über die Spedition des DOSB schicken, weil nur ich als Arzt meine Sachen ohne größere Zollprobleme nach Brasilien hineinbekomme.

Größtes Problem dabei: Weil ich meine Olympiakleidung auch schleppen muss (siehe Einkleidung), bin ich nicht in der Lage mein gesamte Gepäck, bestehend aus Riesenkoffer mit 2 darin enthaltenen 2 Arzttaschen, meine offizielle Olympiaausrüstung, mein Handgepäck und meinen Laptop gleichzeitig zu bewegen. Private Kleidung habe ich bis auf eine Hose, Sandalen und ein T-shirt komplett zu Hause gelassen, es gab keine Möglichkeit, die auch noch mitzunehmen.

„Alles Scheisse“ fluche ich in mich hinein, „warum machst Du das alles?“ Die Frage scheint berechtigt und manchmal fällt mir auch keine passende Antwort ein, die meinen Aufwand rechtfertigt. Knapp 4 Wochen die Praxis alleine zu lassen und auf jegliche Einnahme zu verzichten, den Flug weitgehend selbst zu bezahlen, die Klamotten durch die Welt schleppen, um dann einen 16-Stundentag unentgeltlich abzuleisten, statt in einem Hotel in einer jugendherbergeähnlichen Situation im Zweierzimmer zu leben, dazu braucht es schon viel Opferbereitschaft.

Warum ich hier so rumjammere? Nun- in den Medien kommen wir, die Funktionäre nicht vor. Ich finde aber, dass gerade die in der zweiten Reihe teilweise Unglaubliches vollbringen, sich genauso oder mehr aufopfern, als die Athleten es tun, die ja mit Erfolgen belohnt werden können. Wer kennt denn heute noch den Trainer, Physiotherapeuten oder Manager unserer Beach-Olympiasieger? Und wer kenn die Pferdepfleger, Radmechaniker, Bootspfleger, die Mitarbeiter des DOSB, die monatelang alles versuchen, damit es am Ende zum Erfolg kommt. Erfolg, der natürlich in Medaillen gemessen wird. Dabei sein reicht nicht mehr. Siege zählen. Oder wenigstens Medaillen.

Und dafür ist das Team um das Team wichtig. Ihnen sind diese Zeilen gewidmet.

Olympiasieger bleibt man lebenslang, Olympiasiegerradmechaniker ist man nach kurzer Zeit nicht mehr.

Und was mich auch stört ist die Tatsache, dass für den vermeintlich wichtigsten Wettkampf im Leben eines Sportlers die schlechtesten Bedingungen herrschen.

Während man bei einer WM oder EM in der Regel freien Zugang zu den Sportlern hat, das Team also sein eingespieltes Umfeld mitbringen kann (Manager, Physiotherapeut, Psychologe, Krafttrainer, Techniktrainer, Arzt, Mechaniker etc), ist bei Olympia der Zugang extrem limitiert. Auch der Zugang zu Trainingsplätzen, Krafträumen, zur Mensa und den Vorbereitungszonen wird hier für alle, die keine entsprechende Akkreditierung haben, verschlossen. Hinter den Kulissen wird um Tageszugangslizenzen, abgewertete Akkreditierungen mit limitierteren Rechten etc. gefeilscht.

Wo liegt der Haken? Bei olympischen Spielen trägt das Gastgeberland alle Kosten für die Teilnehmer und die unmittelbaren Betreuer. Die Zahl ist auf etwa 2:1 begrenzt (2 Athleten = 1 Funktionär), um die Kosten nicht ausufern zu lassen. Bei 10000 Athleten müssen 15 000 Personen untergebracht, verpflegt, transportiert und bewacht werden. Und das kostet. Und Brasilien ist pleite. Das BIP sank von 2011 bis 2016 um 38(!) Prozent, auch wegen des Ölpreisverfalls.

Einkleidung für Rio

Erstmals seit ich dabei bin, brauche ich nicht mit Bus und Bahn nach Mainz zu reisen, sondern kann entspannt mit dem Auto bis Hannover fahren. Mal wieder in eine Kaserne, die, anders als zu meinen Bundeswehrzeiten, von Zivilisten bewacht wird. Nach wenigen Kurven komme ich auf dem Parkplatz an und stelle fest: auch die Bundeswehr hart sich seit meinem Ausscheiden (1996) erheblich verändert. Autos sind geleast und mit BW-Aufkleber versehen, der erste Soldat, der mich anspricht hat augenscheinlich einen afrikanischen Migrationshintergrund. Flecktarn war zu meiner Zeit auch nicht gebräuchlich. Ich komme in die Turnhalle, in der die Stationen zum Empfang der Kleindung aufgebaut sind. Bei der Anmeldung werde ich schon erwartet. „Ich muss Ihnen mitteilen, dass der Zoll in Brasilien streikt und wir nicht garantieren können , dass wir Ihre Koffer rechtzeitig ins Olympische Dorf bekommen, wir rechnen derzeit mit einer Zollfreigabe für den 11.8. 2016.“ Also etwa 1 Woche nach Eröffnung der Spiele, knapp 2 Wochen nach meiner Ankunft. Was bedeutet das praktisch? Ich werde gleich instruiert: „Wir haben Ihnen hier die Koffer der drei hingestellt, die gestern zur Einkleidung waren (Kira Walkenhorst, Laura Ludwig beide aus Hamburg und Trainier Jürgen Wagner (Moers)). Nehmen Sie die mit? Es tut uns leid, aber die müssen vom jeweiligen Besitzer selbst nach Brasilien transportiert werden.“ Gut dass ich einen Passat Kombi fahre…

Na dann also los: Mit einem Einkaufswagen und einem Laufzettel geht es zur ersten Station. Koffer, Handgepäck, Sporttasche und Laptoptasche werden ausgehändigt. Alles in Orangerot (außer der Laptoptasche). Da kommt sofort die Frage: Wir sind hier doch bei der Deutschen Einkleidung, oder? Oder sind die Holländer auch hier? Naja… Es folgt noch der Tipp, den großen Rollkoffer direkt dafür zu benutzen, die zu empfangenen Sachen einzupacken. Freundlich der Soldat… nur es ist meine 4. Einkleidung, -bei meiner ersten war er wohl gerade eingeschult…

Dann gibt es Schuhe. Flipflops und für die, die mehr als Größe 49 brauchen Adiletten. Ich hasse es, ein Band zwischen meinen Großzehen zu haben, vor allem, wenn ich damit im Sand rumlaufen muss (tja – falsche Sportart denken Sie jetzt – naja dann lieber anderes Schuhwerk, als eine andere Sportart). Für Adiletten kann ich mich aber auch nicht entscheiden, hab schon 3 Paar und gerade die aus London an meinen Nachbarn verschenkt. Also doch grüne Flipflops. Dann Turnschuhe rot, Turnschuhe weiß, das Feilschen mit der Größe geht los. Man kann nicht glauben, dass im 21. Jahrhundert, dem digitalzeitalter es nicht gelingt, eine Größe bei Schuhen zu vereinheitlichen. Ich probiere mich also mit meinen Riesenlatschen durch das Angebot und freue mich, ich kriege tatsächlich passendes Schuhwerk und Strümpfe. Nächste Station: T-Shirts und Oberbekleidung. Da Adidas in Bangladesh, Indien und einigen anderen asiatischen Standorten produziert und diese unterschiedliche Standards haben, sind auch hier die Größen nicht einheitlich. Deswegen weiß der erfahrene Olympionike, dass man alles anprobieren muss. Und dass natürlich bestimmter Größen einfach nicht mehr da sind. Eine enge Sporthose wird mir vorenthalten, weil Adidas davon nicht genug liefern konnte. Die Qualität der Bekleidung ist naja, man spart scheinbar an Reißverschlussqualität und auch die Nähte sind nicht immer okay. Liebe Shoppingqueens und Modebewußte, -zu denen ich mich ganz und gar nicht zähle, für mich ist Kleidung kaufen Horror- auch Euch mag angesichts der Tatsache, dass man für eine vierstellige Summe Sport- und Ausgehkleidung bekommt, das Herz aufgehen. Ich persönlich hätte viele der Kleidungsstücke nicht gekauft und finde das Design eher gewöhnungsbedürftig. Aber anziehen muss ich sie doch. Ich feilsche mich durch die Stationen und komme nach dem Empfang der Sportkleidung in den Bereich der Repräsentationskleidung. Hier wird zwischen Offiziellen und Sportlern unterschieden. Wir bekommen andere Sachen als die Sportler. Soweit so gut. Als ich die Hemden anprobiere, stelle ich fest, dass scheinbar niemals jemand bei Adidas Ausgehkleidung konzipiert hat. Früher als Bogner und Bette Barkley noch für die Ausstattung verantwortlich waren, da passte alles oder wurde nach Maß gefertigt.

Zumindest wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass es kleine und große, dicke und dünne Repräsentanten des Vaterlandes gibt, die alle irgendwie ordentlich aussehen wollen. Wenn es aber erst bei einer XXXL Jacke mit der Armlänge passt und dann der Bauch immer noch aussieht, als wenn man eine Presswurst wäre, dann frage ich mich, was die Designer und Schneider geraucht oder getrunken haben, als sie das entworfen haben. Es wäre ein Leichtes mal eine Erhebung bei einer Olympiamannschaft zu machen, was dort für (atypische) Physiognomien vorkommen. Dass ein Handballer, eine Gewichheber, ein Judoka oder Kugelstoßer andere Körperproportionen haben, als eine Turnmaus oder Langstreckenläuferin dürfte jedem klar sein.

Und dass man dann unter Einbeziehung von Funktionären, die ja auch diese Kleidung tragen müssen, einen etwas flexiblere Produktion starten muss, die auf Bauchumfang Bein- und Armlängen Rücksicht nimmt, sollte auch bei einem Weltkonzern zu vermitteln sein.

Ich jedenfalls kann konstatieren, dass die Ausgabe von Standardprodukten den Anforderungen keinesfalls gerecht wird.

Dabei ist keinesfalls alles schlecht, aber besser geht auf jeden Fall. Zumindest wenn man, wie ich auf die letzten 3 Einkleidungen zurückblicken kann. Ich habe heute noch Sportkleidung aus Athen, die in einem besseren Zustand ist, als das was wir in London bekommen haben. Mal sehen wie es mit der Nachhaltigkeit der Rio-Kollektion ist.

Am Ende des Laufzettels angekommen, nach Fotos für das Riohandbuch kann man noch ein Stück Kuchen essen, etwas trinken und dann geht’s es auch schon nach Hause. Ach ja – eine Sonnenbrille gibt es auch noch. Eine solche Brille würden sie dem Strandverkäufer, der dafür 10€ aufruft, um die Ohren hauen. Sieht billig aus, fühlt sich billig an, muss aber, vertraglich festgelegt, getragen werden, weil nur die mit dem Adidas-Logo zugelassen sind. Zum Glück finden unsere Veranstaltungen fast alle nach Sonnenuntergang statt.

Die Rückfahrt gestaltet sich ermüdend, 14 km Stau auf der A7 mit Stillstand.

In Hamburg liefere ich dann die Riesenkoffer bei den Mädels ab, die von ihrem Glück gar nichts wussten und sich nicht wirklich freuen, dass sie jetzt alles selbst schleppen müssen.

Jetzt muss noch irgendwie Jürgens Koffer nach Moers. Also verpacken, DHL beauftragen und einige Tage später ist auch das Problem gelöst.

Jetzt noch eine Woche Praxis und dann geht´s los.

Rio ruft

2016 finden die Olympischen Spiele unter besonderen Vorzeichen statt. Einmal gibt es eine etwas ungewöhnliche Infektionsgefahr (Zika-Virus), zum anderen eine unübersichtliche politische Lage (Ist die Präsidentin noch im Amt oder bestimmt schon das Militär?)und zu guter Letzt sind wir Deutschen Beachvolleyballer erstmals nicht in voller Stärke qualifiziert. Für manche unverständlich folgt auf den Olympiasieg in London bei den Männern eine Situation, in der das qualifizierte Team so eben in das 24er Feld gerutscht ist, und das zweite Herren-Team auf der Strecke blieb.

Die Damen geben derzeit mehr Anlass zur Hoffnung. Alle vier deutschen Damenteams sind für Olympia qualifiziert – sportlich gesehen. Alle haben verdient in Rio aufzulaufen, aber nur die beiden besten Teams dürfen starten. Aus Hamburger Sicht erfreulich ist die Tatsache, dass das Frauen-Team, dass derzeit die Weltrangliste anführt, aus Hamburg kommt und auch das einzige Männerteam in HH beheimatet ist. Laura Ludwig, Kira Walkenhorst, Markus Böckermann und Lars Flüggen werden unsere Stadt in Rio vertreten. Komplettiert wird das Team durch Karla Borger und Britta Büthe aus Stuttgart. Zusätzlich freuen sich Helke Clasen (CoTrainerin), Anett Zegetti (Psychologin) beide für Ludwig Walkenhorst sowie Bernd Schlesinger (Trainer Böckermann/Flüggen) auf die Reise nach Rio.

Ich selbst werde als Teamleiter und Mannschaftsarzt Hamburg und den Deutschen Volleyballverband vertreten.

Daten: Abreise 28.7. 2016, Eröffnung der Spiele 5.8.2016, beginn Beachvolleyball 6.8.2016, Ende des Wettbewerbs 18.8.2016 oder bei Ausscheiden für uns früher. Rückkehr: 21.8. 2016 für mich. Athleten je nach Erfolg früher oder später.

Sie können an dieser Stelle meinen Blog von den Spielen in Rio verfolgen….

 

 

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