Olympisches Dorf (OLV = Olympic Village)

Olympische Dörfer werden schon seit langem als dauerhafte Investition in die ausrichtende Stadt und ihre Infrastruktur betrachtet. Um ca. 15000 Menschen unterzubringen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen, werden neben Unterkünften auch Tiefgaragen, Swimmingpools, Straßen und Parkplätze, Parkanlagen und Haltestellen für den ÖPNV geplant und gebaut.

Da die Nachnutzung von weniger Menschen erfolgt, sind die Kapazitäten angepasst. Während der Olympischen Spiele gibt es im Dorf z.B. nur Autos von Sicherheitskräften, der Feuerwehr, externen Dienstleistern, einige Golfcarts sowie einen endlos fahrenden Bus, der das Dorf innerhalb der Zäune umkreist und alle 200-300 Meter hält und Athleten, mit oder ohne Gepäck, transportiert, – kostenlos versteht sich.

Der Bau von Wohnungen ist nicht billig, also wird nach einer Finanzierung gesucht.

So auch in Rio 2009, als der Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele in Kopenhagen verkündet wurde.

Damals war Brasilien ein boomendes Land, steigende Wirtschaftsleistung, steigender Wohlstand, alles basierend auf Öl und Landwirtschaft.

Der Plan der Brasilianer: wir bauen die ersten 5 Hochhäuser mit je 18 Stockwerken zu 8 Wohnungen. Vom Verkauf dieser finanzieren wir die nächsten Gebäude.

So gut sich der Plan anhörte, er versagte. Der Einbruch des Ölpreises, die gebremste Weltwirtschaft wurde den Planern zum Verhängnis. Als das Geld in Brasilien knapp wurde, fanden sich nicht ausreichend Käufer für die bereits gebauten Luxuswohnungen.

In der Folge wurde unter dem Druck, zu den Spielen fertig sein zu müssen, mit minderwertigeren Materialien gebaut, vieles eher provisorisch zusammengeschustert, – es geht sogar das Gerücht von Sabotage durch nicht anständig bezahlte Arbeiter – , so dass mit Eröffnung des Olympischen Dorfes einfach vieles nicht fertig war.

Die Deutsche Delegation, die früh genug hier war, hat das Gleiche erlebt, wie die Australier, es aber nicht kommuniziert. Stattdessen haben sie eine der wenigen noch greifbaren Firmen beauftragt, die Instandsetzung der „deutschen“ Appartements zu übernehmen. Es gibt zwar immer noch leckende Leitungen, Verstopfungen der Abflüsse, fehlende Möbelstücke etc, die Elektrik und Elektronik scheint aber nun zu funktionieren und nachdem wir gestern einen Evakuierungsplan bekommen haben, ist auch der nächtliche Feueralarm ausgeblieben.

Nun, 5 Tage vor Beginn der Spiele, füllt sich das Dorf zusehends, und alle haben mehr oder weniger gelernt, mit den Provisorien zu leben. Dass man eine Wohnung gänzlich ohne Tisch und Stühle anbietet, ist übrigens keine typisch brasilianische Eigenschaft. Das gab es auch in London und Peking. Dass es jemanden gibt, der nicht nur schläft, isst und Sport treibt, sondern dass es auch nicht wenige gibt, die im Hintergrund richtig arbeiten als Trainer, Teamleiter oder Veraltungsangestellter, als Logistiker, Ticketverwalter, Arzt oder Physiotherapeut und dass es ohne diese Menschen nicht geht, das wird kaum berücksichtigt. Was nützt mir WLAN – ein Netz pro Etage mindestens – wenn ich keinen Tisch habe, auf dem ich arbeiten kann?

Dem DOSB sei Dank, die jahrelange Erfahrung zahlt sich aus. Wirklich wichtige Dinge werden geregelt, auch mit Hilfe von Freiwilligen, die portugisisch sprechen.

Ich habe also einen Tisch und 3 Stühle ergattert, ein Kühlschrank steht nun auch bei uns und ein TV wartet darauf, dass es jemand anschließen kann.

So gesehen geht es uns doch gut.

Draußen vor den Toren des Dorfes, dass deutlich weniger gesichert ist als das jeweilige OLV von London oder Peking, ist der brasilianische Alltag zu Hause. Graffiti auf allen Schildern und Hauswänden, Müll an der Straße, einige erbärmlich stinkende Rinnsale durchziehen das ehemalige Sumpfgebiet, in das jetzt ein neuer Stadtteil gebaut wurde. Daneben aber Shopping Malls gigantischer Größe. In Brasilien ist, anders als in Peking, nichts verdeckt oder abgeschirmt, das das Image von Brasilien belasten könnte. Während in China nach dem Regen sogar die Häuser von außen trockengewischt wurden, damit es „schöne“ Bilder gibt, während in Peking ganze Straßenzüge hinter meterhohen und kilometerlangen Abdeckungen verschwanden, geht hier in Rio das Leben normal weiter, für die allermeisten zumindest.

Der Bauzaun, der das OLV umgibt ist zwar doppelt, aber nur in Träger gesteckt und nicht wirklich widerstandsfähig. Man setzt hier eher auf Manpower. Die Forza Nacional, als brasilianische Militär steht mit scharf geladener Maschinenpistole vor den Gebäuden, an den Eingängen ins Dorf und vor neuralgischen Punkten, wie z.B. die Unterkunft der Israelis, die tradionell seit München 1972 besonders abgeschirmt werden. Die Maschinenpistole ist mit dem Schulterstück an den Leib des Soldaten gekettet, damit niemand sie ihm entreißen und ein Blutbad anrichten kann. Auch eine Lösung…

 

Ich kann ja erst die wenigen Tage beurteilen, die ich jetzt da bin und vielleicht ändert es sich noch einmal, wenn die Spiele eröffnet sind, aber ich empfinde keine Unsicherheit. Ich habe schon in London und Peking die Sicherheitsmaßnahmen als unzeitgemäß betrachtet. Kein Terrorist wird heute ein Olympisches Dorf angreifen. Eher sind die Wettkampfstätten Ziele. Lohnenswerter erscheint mir ein Angriff auf einen Athletenbus im Stadtverkehr. Denn die Wege vom Dorf zum Wettkampf können nicht vollständig gesichert werden.

Was ist also zu tun?

Positiv denken, wachsam sein, und einfach auf das konzentrieren, weswegen wir das hier machen.

Am Ende sollte der sportliche Erfolg stehen, das Lächeln, wenn einem klar wird, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Dafür arbeiten wir als Team.#wirfüerD

© Copyright Praxis Dr. Tank