Santa Cruz – Temuco – Lake-District – Pto. Montt

Aus Ushuaia kommend holt mich Karen am Flughafen in Santiago de Chile ab. Wir planen, einige Tage zusammen zu verbringen, nachdem wir uns einen Tag beim Tauchen auf Galapagos Anfang Dezember und zwei weitere Abende “kennengelernt” haben. Ein riskantes Unterfangen, aber Karen ist eine erfahrene Reisende, die allerdings mit einem anderen Budget als ich unterwegs ist. Sie will ihr Geld lieber in Essen und Trinken, nicht aber in Wohnen und Transport invistieren.

Karen wohnt, wenn moeglich, fuer weniger als 10 US$ pro Tag. Augenscheinlichster Unterschied: Ich habe in der ganzen Zeit, die ich unterwegs bin, kein einziges Blatt Toilettenpapier von dem gebraucht, dass ich sicherheitshalber in Quito am 3.12.2009 gekauft habe. Fuer Karen ist eigenes Toilettenpapier das wichtigste Utensil auf der Reise. Bei den Billigunterkuenften ist meistens weder Handtuch noch Toilettenpapier, und oft kein Fruehstuck im Preis enthalten.

Nachdem wir am ersten Tag in Santiago ueber eine Stunde ein fuer mich essbares Fruehstueck gesucht haben (Samstag morgens um 9.30 ist kein Laden auf, Weizenfreies gibt es schon gar nicht, Kaffee aber auch nicht. Eine Banane und ein schwarzer Tee tun es schliesslich auch), treffe ich mich mittags fuer 2 Stunden mit Anna, die ich im Flieger kennengelernt hatte, als ich erstmals nach santiago kam. Dann machen Karen und ich Plaene. Ich will nach Sueden, sie auch, denn sie ist, wie ich, ueber Bolivien eingereist, aber langsam mit dem Bus bis Santiago gefahren und nicht, wie ich, geflogen. Wir beschliessen nach Santa Cruz mit dem Bus zu fahren, dort ist eines der beruehmtesten Weinanbaugebiete weltweit. Sonntag morgens schleppen wir die Taschen, meine mit knapp 30 kg und 5 Flaschen bestem Wein aus Argentinien gefuellt, Karens etwa 15 kg, ueber 3 km zu den Busbahnhoefen, bis wir den Richtigen gefunden haben.

Nach 3 Stunden Fahrt kommen wir in Santa Cruz an und schleppen die Klamotten auf den zentralen Platz, der hier fast immer Plaza de Armas heisst. Das Touristoffice ist sontags zu, es sind ueber 30 Grad. Also setze ich mich in den Schatten und Karen rennt los, Infos sammeln. Nach 20 Minuten wissen wir, dass die Nacht im Hotel am Platze 330 US$ kosten soll und es Weinproben gibt, die man buchen kann. Unser Problem ist nicht geloest. Also setzt sie sich und ich renne die hier in Chile an jeder Ecke befindliche immer geoeffnete Farmacia. Der Apotheker, hoffe ich, kann Englisch, – kanner aber nich – und der Security-Mann erst recht nicht.

Also ueber die Strasse, andere Apotheke, gleiches Trauerspiel. ABER ein Kunde kann leidlich Englisch und er versteht unser “problema”. Als ich ihm klar mache, dass wir kein Auto haben, laedt er uns ein und faehrt uns zu einem Hotel, das er fuer angemessen haelt. Verdimia in Santa Cruz, es lohnt sich das mal zu googlen. Man oeffnet uns, hat ein Zimmer, Preis 143 US$, wenn wir mit Kreditkarte oder Euro/Dollar zahlen sparen wir die 19% Mehrwertsteuer, sollen also 115 US$ pro Nacht mit Fruehstueck zahlen. Wir finden die Zimmer toll, riesiges Bad, alles stilvoll und mit Antiquitaeten eingerichtet.

Karen verzieht die Augen: zu teuer. Sie rennt also los, um in den umliegenden Hostels nach Preisen und Verfuegbarkeit zu fragen, waehrend ich mit dem Hotelmanager rede, der selbst in Neuseeland war und das Budgetproblem versteht. Dann kommt der Boss, – er muss nicht mehr arbeiten, hat Land, das Hotel, eine Klinik… Er will unbedingt, dass wir bleiben, das Angebot sinkt auf 70US$ pro Nacht. Als Karen zurueckkommt, hat sie ein Angebot von 50US$ in einem Hostel. Also faellt die Entscheidung, wir wechseln.

Karen, eine ehemalige Schwimmerin, muss mal bevor wir gehen, und als sie wiederkommt und den Pool hinter dem Haus gesehen hat, wird sie schwach. Wir bleiben doch fuer3 Naechte. Ich behandle den Hausherrn und seine Frau (Nackenschmerzen kommen von den Fuessen!), eine befreundete Zahnaerztin und schon haben wir “Familienanschluss”. Man kuemmert sich um uns, faehrt und zum Essen, erlaubt uns unseren eigenen Wein kalt zu stellen und zu trinken, und man empfiehlt uns Weingueter.

Wir machen drei Weinproben. Neyen, einer der 10 besten Weine der Welt (max 24000 Flaschen pro Jahr) La Postolle, vor einigen Jahren als bester Wein der Welt praemiert (output 6000/Jahr in der Premiumqualitaet)) und Viu Manent, eine eher auf grosse Mengen(ca 2 Mio Liter /Jahr und nicht ganz so auf Spitzenqualitaet ausgerichtet, lassen uns gegen teures Entgelt in ihre Produktionsstaetten, in die Weinberge und in die Keller. Wir duerfen auch probieren, das Angebot zu kaufen faengt bei La Postolle bei 140 US$, Neyen 60 US$ und Viu Manent bei 12 US$ an – immer die besten Weine vorausgesetzt.

Viu Manent ist die professionellste und liebenswuerdigste Probe – und die billigste. Ein Profi fuehrt uns in die Weine ein, Karen, die Sommelierkurse gemacht hat, kann alle Geschmacksrichtungen bestimmen. Mein Urteil beschraenkt sich auf “gut” oder “mag ich nicht”. Schliesslich finde ich Weissweine, hauptsaechlich Chardonay, die ich so gut wie die aus Argentinien finde und fuer besser halte, als das meiste, was ich sonst fuer den Preis in Deutschland bekomme. Und ich lerne einige (teurere) Rotweine kennen, die auch ich mag.

Nach 3 Tagen machen wir uns auf den Weg nach Temuco in den Sueden. Der so genannte Lake District, eine Seenlandschaft mit weiss-begipfelten Vulkanen ueber 2000m und vielen Nationalparks erinnert ein bisschen an die Schweiz oder den Gardasee. Wir mieten ein Auto und fahren los. Thermalbaeder, durch vulkanische Aktivitaet angeheizt, laden zum Bad ein, Wald, weitgehend naturbelassen, fordert zum Wandern auf.

Wir fahren und schauen, suchen Unterkuenfte, die ins Budget passen und Restaurants, die unseren Gaumen befriedigen. Und wir werden immer fuendig, auch wenn Karen sich in dieser Touristengegend deutlich ueber den Rahmen des Budgets bewegen muss. Es ist gerade Ferienzeit und Hochsaison, entsprechend voll und teuer ist es. Manchmal muessen wir an 8 verschiedenen Tueren klingeln und unser “tienes un habitación por dos por una noche” aufzusagen, bevor es klappt. Aber wir schlafen immer gut. Am zweiten Tag passiert es dann: ich fahre auf einer der Kiespisten (asphaltierte Strassen gibt es langst nicht ueberall), angemessen schnell, da rutscht der Kies und wir schleudern. Ich versuche unser Auto, einen Chevrolet (weisser Opel Corsa mit Stufenheck, 1600er:-)) abzufangen und wir landen mit den Vorderraedern im Graben, der Rest steht irgendwie noch auf der Piste. Ich fluche wie ein Rohrspatz, Karen ist ganz still. Nix passiert, denke ich. Aber wir sitzen in der Mitte von Nirgendwo fest, kein Auto weit und breit zu sehen, kein Haus, kein Mensch, kein Handy. Wir haben auch kein Abschleppseil.

Was dann kommt, nennt man wohl Glueck. Das erste Auto kommt nach 1 Minute, eine Frau mit einem Sack voll Kindern, die nicht helfen kann. Das zweite Auto ist ein “4 wheel drive”. Nach nur 5 Minuten Wartezeit haelt er an,  4 Maenner springen raus und haben schon eine Kette in der Hand, bevor ich etwas sagen kann. Das Auto wird angehakt, 2 Mann schieben, nach 30 Sekunden steht das Auto unbeschaedigt auf der Strasse. Ich kann kaum Danke sagen, da sind die 4 Strassenbauer und Landvermesser schon wieder weg.

Mehr Glueck geht nicht, denken wir. Aber es wird noch besser: als wir weiter fahren, brummt es und vibriert so komisch im Motorraum, dass ich es mit der Angst bekomme. Wir haben noch 50 km Schotterpiste vor uns und das Geraeusch hoert nicht auf. Das Auto faehrt aber normal. Ich rede mir ein, dass es nichts Schlimmes sein kann und bitte Karen, die inzwischen steuert, an einer Autowerkstatt anzuhalten. Samstag nachmittag, ein Wunder dass noch einer da ist. Ich fahre den Wagen ueber die Abschmiergrube und der Mechaniker klettert runter. Nach 10 Sekunden kommt er hoch und grinst. Er hat einen ziemlich warm gewordenen fausgrossen Stein in der Hand, der sich im Unterbodenschutz verfangen hatte und bei der Fahrt Geraeusche machte.

Damit sind alle Probleme geloest und wir sehr erleichtert. Wir geniessen die Zeit, trinken taeglich reichlich guten Wein und essen excellent. In Puerto Oktay, einer Siedlung von deutschen Einwanderen ist der Friedhof voll mit deutschen Namen. An allen Strassen wird Kuchen, Tortas und Strudel angeboten. Das Wort Kuchen hat Eingang gefunden in die Sprache hier im Lake Distrikt, jeder versteht es und es existiert neben dem Wort Torta, das fuer Torte steht.

In Ensanada wohnen wir 2 Naechte in einem Haus einer „Deutschen“, die hier geboren ist und das gesamte Haus mit bayrischen Moebeln, Bierglaesern, Sinnspruechen etc. dekoriert hat und auch mit uns Deutsch sprechen kann. Karen, deren Mutter 1946 aus Deutschland nach Kanada emigrierte, erkennt die Moebel ihrer Grossmutter wieder. Wir sind gerade auf dem Osorno-Vulkan , als es anfaegnt zu regnen und einfach nicht mehr aufhoert…

Im “Blumenhaus”, 20 km weiter, essen wir zweimal, weil das nette alte Ehepaar Kuchen und Brotzeit, hier Onces genannt, Bowie Abendessen anbietet. Blutwurst, Leberwurst, Salami, selbst gebackenes Brot und kleine Preise fuehren dazu, dass wir uns wohl fuehlen und ich abschliessend ein Foto mit den Inhabern mache. Auch sie sprechend Deutsch, sind hier geboren und haben keinen Kontakt mehr. Vor einigen Jahren gab es noch Post mit zwei Tanten, die 91 und 94 Jahre alt waren, erzahlt uns die selbst sicher auf die 70 zugehende ruestige Besitzerin. Aber sie weiss nicht einmal, wo in Deutschland die Heimat war.

Heute hiess es dann Abschied nehmen. Ich fahre Karen morgens nach Puerto Montt, wo sie sich in 3 Tagen mit einer Freundin treffen will, um dann weiter durch Patagonien zu reisen. Nachdem wir eine Unterkunft fuer sie gefunden haben, setze ich mich ins Auto und fahre durch den Regen zurueck nach Temuco, um das Auto abzugeben und den Nachbus nach Santigao zu nehmen. Ich habe ein Bett gebucht, kann wohl liegen und hoffentlich schlafen. Abfahrt 23.15, Ankunft nach 700km morgen frueh um 7.30 Uhr.

Abschiede sind immer schwer, besonders aber von einem Menschen, mit dem man in den letzten 12 Tagen fast 24 Stunden pro Tag zusammen war, mit dem man viel erlebt hat und mit dem es keinen Stress, keinen Streit, keine Dissonanz gab. Es gibt tatsaechlich Hoffnung, dass es Menschen gibt, die es auch mit mir aushalten;-). Es ist ungewohnt alleine zu sein, aber nun schaue ich voraus und nehme meine letzte Woche in Suedamerika in Angriff, bevor es in genau einer Woche nach Seattle geht.

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