Von Prominenten und Missgeschicken

Heute kame der Rest an… Der Rest besteht aus unserer Medaillenhoffnung Kira und Laura, ihrem Traininer Jürgen Wagner und Ekke Schurig unserem Physiothearapeuten, der uns auch schon in Peking betreut hat.

Also 6:00 Uhr aufstehen, ab 6:30 Uhr saß ich im Welcomecenter. Same procedure like yesterday. Alle kamen heile an und hatten Hunger. Danach erfolgte die obligatorische Einweisung und der Bezug der Zimmer. Fotos für den Pressesprecher wurden ebenso abgearbeitet, wie erste Besprechungen und Einteilungen. Zum Mittag ging ich mit Jürgen und Kira und auf dem Rückweg lief und der IOC Präsident Dr. Thomas Bach höchst persönlich über den Weg. Umringt von Bodygard und andern, mir unberkannten Menschen, kam er gerade vonder Einweihung einer Gedenkstätte im Olympischen Dorf, an der den Opfern der Olympiabewegung (z.B. München 1972, Atlanta 96) gedacht werden kann. Ganz Politiker, ging er auf uns zu, nachdem er uns an der Uniform(en)Kleidung als Deutsche identifizieren konnte. Shake Hands und dann die Lobeshymne, es sei das beste Olympische Dorf das es je gegeben hätte, und alle seien so zufrieden, wie gut es sei, usw. Mein Einwand, der Kraftraum sei ein bißche zu klein geraten, ließ ihn verstummen und die letzten 100 m schweigend zu seinem Fahrzeug zurücklegen. Vielleicht hätte ich aus diplomatischen Gründen nichts sagen sollen, aber eigentlich hatte mir auf der Zunge gelegen, ihn zu fragen, wer ihn eigentlich so den ganzen Tag anlügt, damit er das glaubt, was er sagt. Die Probleme sind hier keineswegs behoben, das Essen ist kalt und es gibt keine ausreichende Zahl an Ausgabestellen, im Bereich Sicherheit tut sich wenig, die Leitungen streiken, Wasserrohrbrüche sind tägliche Realität, der Kraftraum ist 1/3 so groß wie der in Athen, von Peking und London ganz zu schweigen. Ich kam gestern gar  nicht rein zum Training, es gab einfach keine freien Geräte.

Okay, die Wohnanlage ist kompakt geplant und inclusive Parkanlage, Spielplätzen und Sportplätzen sehr gut konzipiert. Ich würde mir wünschen, dass in deutschen Wohnanlagen nicht nur an Tiefgaragen, sondern auch an Fußballplätze, Tennisplätze, eine Lauf- und Radstrecke innerhalb der Wohnanlage gedacht würde. In Brasilien ist es normal, dass es öffentliche Sportstätten für jedermann da gibt, wo man lebt. In sofern kann man dem IOC Präsidenten zustimmen.

Der Nachmittag erschöpfte sich in ärztlicher Tätigkeit und Administration und gegen 16:10 Uhr fuhr der Bus an die Copacabana. Pünktlich dank Olympic Lane stiegen wir wie immer aus dem Bus (Sicherheitszone???) und sollten dann durch eine Röntgenschleuse. Wäre zumindest grundsätzlich schon mal ganz gut gewesen, wenn man dann auch noch die Akkreditierungen kontrolliert hätte. Allerdings begriff einer der Soldatenm, dass wir aus dem Buss kamen und winkte uns unkontrolliert durch. Jeder, der sich einen Trainingsanzug angezogen hätte, wäre auf das Gelände gekommen, ohne Röntgen und ohne Akkreditierung.

Nachdem sich die Neuankömmlinge das Arreal angesehen hatten, machten wir ein Gruppentreffen und regelten die noch offenen Fragen. Dann schafften wir es, ein Mannschaftsfoto mit allen hinzubekommen.

Anschließend mussten die Teams und ich zur Einschreibung. Erstmals im Leben der Sportler, die noch nie bei Olympischen Spielen waren, wurden die Identitäten anhand der Pässe kontrolliert. Sonst reicht bei allen Turnieren, dass man kommt und sagt, wer man ist. Dann mussten die Formulare vorgelegt werden, die regeln, wer welche Rechte hat und wer sich welchen Regeln wie zu unterwerfen hat. Dann wurden unsere Kameras mit einem Klebchen versehen, das uns berechtigt, damit zu filmen… Dinger gibt´s … – was sonst soll man damit tun? und – wenn es um Gefährdung geht, hätte ja mal jemand die Kamera in die Hand nehmen und checken können. Es geht darum, dass man anmelden muss, dass man die Spiele aufnimmt, was inzwischen jede Nation für sich tut, um dann das Bildmaterial sportlich und taktisch auzuwerten, typische Gegenerbeobachtung eben. Man hätte ja auch einfach sagen können, „wir wissen, dass ihr das seit vielen Jahren macht und dass Euer Videoscout, den wir seit mindestens 5 Jahren kennen, den ganzen Tag auf der Tribüne sitzen, filmen und mitschreiben wird, also bitte machts das so weiter. Aber nein: Papier muss beschrieben und gestempelt werden, dann abgeheftet und wahrscheinnlich ungelesen final vernichtet werden.

Noch besser ist aber die von uns verantwortete Panne: Die vorzulegenden Gesundheitszertifikate, die belegen, dass der Spieler grundsätzlich gesund ist und an Sportwettkämpfen teilnehmen kann, dürfen nicht älter als 2 Monate sein. Leider hatte der Deutsche Volleyballverband diese Stelle überlesen und uns mit Kopie der Gesundheitszertifikate versehen, die seit Anfang der diesjährigen Saison gelten und die, man höre und staune, zwar dafür ausreichten, dass Kira und Laura am vergangenen Wochenende das Major Turnier in Klagenfurt spielen und gewinnen konnten, aber heute reichen sie nicht aus, dass sie bei den Olympischen Spielen starten dürfen. Muss man nicht verstehen…

Ich kenne den Verantwortlichen dafür seit 20 Jahren und habe ihn auch schon behandelt: José, ein Spanier, der hier seine 7. Spiele betreut. Er kam und sagte, dass er eine Idee habe, „because we are friends“, er wollte mir ermöglichen, einfach die Zertifikate mit neuem Datum und aktuellem Stempel zu versehen, aber da spielte (die mir auch bekannte) medizinische Supervisorin nicht mit. „Sie müssen neue Zertifikate bringen“, war die Antwort und ich bekam 6 Vordrucke ausgehändigt. Okay, ich bin Arzt und kann das bescheinigen, nur: ich bin zwar der einzige offizielle Vertreter der DVV, aber ich habe keinen Verbandsstempel in der Tasche :-(.  Also darf ich die Vordrucke ausfüllen, von allen Spielern unterzeichnen lassen, dann einscannen, nach Deutschland mailen und warten, dass man dort Ausdrucke macht, diese unterzeichnet und stempelt, einscannt und mir mailt. Ich schicke sie dann an Christin, die im Mannschaftsbüro des DOSB sitzt und sie für mich ausdruckt, damich ich sie dann im Quasi Original unterschreibe und stemple (mit meinem Arztstempel, den ich wohlweislich dabei habe:-)), um dann damit  eine gute Stunde hin und eine zurück zur Copacabana zu fahren, um den Buchstaben des Regelwerks des Weltverbandes Genüge zu tun. Macht kein Spass und hätt ich nicht gebraucht, muss ich aber…und: Dankkeee!!!! Christin

Positive Neuigkeiten, Sinjin Smith kam auf mich zu und begrüßte mich überfreundlich. Für alle, die nicht wissen, wer das ist: da sind Sie in guter Gessellschaft, denn von den heutigen anwesenden Spielern kannte ihn keiner mehr. Ich empfehle Google, die wissen alles über den Mann. ER ist eine der berühmtesten Legenden des Beachvolleyball und hatte mich 1996 nach Atlanta eingeladen, weil ich ihm im Vorfeld als Turnierarzt in Deutschland sehr geholfen habe. Ich habe als junger Erwachsener einen Volleyball mit seinem Nameszug gehabt und war stolz darauf,- später kam er zu deutschen Turnieren immer etwas früher, weil er sich in meine Hände begeben wollte. So ändert sich das Leben….Sinjin ist im Weltverband eine durchaus ernst zu nehmende Größe. Vielleicht hilft uns das ja noch einmal…

22:30: Behandlungen der Spielerinnen nach dem Training stehen an. Es wird mindestens Mitternacht, bevor wir durch sind.

Ihnen zu Hause weiterhin guten Schlummer!

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