Ein gebrauchter Tag

Die Nacht war um 4:45 Uhr zu Ende. Australier meinten eine Party am Pool zwischen den Häusern machen zu müssen und waren so laut, dass ich aufgewacht bin und nicht mehr einschlafen konnte. Aus dem Fenster brüllen, was meine erste Idee war, macht wenig Sinn, wenn danach alle wegen meines Gebrülls wach sind. Also machte ich mich an die Arbeit und versorgte die handelnden Personen im Team mit den in der Nacht publizierten Infos zu Trikotfarbe und Spielansetzung, arbeitete meinen Emailaccount leer und stand früh auf.

Danach die übliche Runde durch die Büros,  die bestellten Eintrittskarten abholen, Postfach leeren, Liste mit den Rückflügen an den DOSB mailen. Seit gestern wird die Rückreise geplant. Wer in welchem Flieger sitzt, wer wann in Frankfurt ankommt und wer an der Willkommensfeier teilnimmt, wer welchen Weiterflug braucht etc…

Anschließen Führung von Gästen durchs Dorf, weitere Telefonate um die externen Appartements zurückzugeben, die Möglichkeiten auszuloten, wo man nach einer Siegerehrung um 1:30 Uhr und nachfolgender Dopingprobe ggf. noch feiern kann.

Nach dem Mittagessen durfte ich auf Vermittlung von Julius Brink einen mir seit Jahren bekannten ARD-Reporter behandeln, der Hilfe benötigte, allerdings im Büro in der internationalen Zone, da der gute Mann das Dorf nicht betreten darf.

Dann ging es zum Boxen mit Sitzplatz in der Athletenecke. Dass Frauenboxen olympisch ist, mag man hinnehmen, allerdings ist die Qualität im Amateurbereich mit dem, was eine Regina Halmich oder Susi Kentikian abliefern, nicht zu vergleichen. Auch in den leichten Männerklassen war es oft nicht mehr als eine gewöhnliche Klopperei. Immer wenn Franzosen boxten, stand die Riege der ausnahmslos farbigen Franzosen auf, versperrte allen anderen rücksichtslos den Blick und war auch mit gutem Zureden nicht dazu zu bewegen, sich zu setzen, im Gegenteil, sie wurden aggressiv, -Boxer eben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Generation französischer Migrantennachkommen diejenigen sind, die der Staatsgewalt in Frankreich durchaus immer wieder Probleme machen. Verzogene Egoisten ohne jeglichen Anstand. Das erste Mal bei Olympia, dass ich solche Leute als Teilnehmer getroffen habe.

 

Das Boxen war durchaus kurzweilig, allerding konnte ich viele Urteile nicht nachvollziehen und die Zuschauer überwiegend auch nicht. Der Knaller war das 91-kg Schwergewichtsgefecht um die Goldmedaille. Der Kasache Vassily Levit war der klar bessere Boxer, der Russe Tishchenko bekam Prügel und lief viel rückwärts. Am Ende bekam er Gold, die Halle tobte und buhte, außer den russischen Fans natürlich, IOC-Präsident Bach verließ, wie fast alle Zuschauer, fluchtartig die Halle noch vor der Siegerehrung, die wirklich ungerecht ist. Mein Eindruck wurde durch deutsche Boxer bestätigt, die ich im Fahrstuhl traf. Boxergebnisse werden teils nach nicht nachvollziehbaren Kriterien vergeben.

Inzwischen hat das Wetter gewechselt. Heute morgen war es noch warm und wolkenlos, inzwischen regnet es. Der Wetterwechsel kündigte sich, wie zuletzt schon, durch Sturmböen an. Mülleimer fuhren auf ihren Rollen selbstständig die Straße lang, alle Schilder im Busbahnhof wehten um, die Bäume standen schräg, die Banner an den Häuser machten sich teils selbstständig. Der Sicherheits-Zaun wehte meines Wissens nach diesmal aber nicht um;-)).

Nach dem Abendessen versuchte ich meine Wäsche aus der Wäscherei zu holen. Allerdings fand man genau einen Wäschebeutel (es gibt blaue für Buntwäsche und weiße für weiße Wäsche), und der zweite, den ich gleichzeitig abgegeben habe, war nicht im System gespeichert. Also durfte ich eine zweistellige Anzahl an Wäschebeuteln durchschauen, bis ich tatsächlich meinen wiederfinden konnte.

Dann erreichte uns die Nachricht, dass der verunglückte Kanute Stefan Henze verstorben ist. Das war nach den vorliegenden internen Informationen zu erwarten gewesen, dennoch ist es für die Stimmung nicht schön. Trauerflor darf man nach IOC-Statuten nicht tragen, dennoch konnte die Mannschaftsleitung erreichen, dass an allen Wettkampfstätten die deutsche Flagge morgen auf Halbmast weht. Falls Sie sich bei den Fernsehbildern morgen wundern, dann wissen Sie jetzt den Grund.

Stichwort morgen: 16:00 Uhr brasilianische Zeit, also 21:00 Uhr in Deutschland werden wir es mit Talita/Larissa zu tun haben, die schon Borger/Büthe in der ersten K.O.-Runde eliminiert haben. Ein Sieg würde bedeuten, dass wir Silber sicher hätten. Das ist der Plan. Allerdings geht es gegen die Nummer Eins der Olympiaqualifikation und die Lokalmatadoren (Talita stammt aus Rio), sowie gegen geschätzt 15000 Zuschauer. Es wird  das alles andere als ein Selbstgänger. Machen Sie sich auf ein spannendes Spiel gefasst. Und:

Drücken Sie uns die Daumen !!! Wir können es gebrauchen…

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