Good bye Tokyo

19-5-5- die magischen Zahlen

Gestern Abend, 21:42 Ortszeit, war der Traum von einer Medaille ausgeträumt. Chancenlos mussten sich Thole/Wickler den russischen Weltmeistern geschlagen geben. Die Russen, in allen Teilelementen des Beachvolleyballs an diesem Abend überlegen, ließen keinen Zweifel daran, was sie wollen – nämlich ins Halbfinale.

Wir hatten keine Mittel, um dem russischen Aufschlaggewitter etwas entgegenzusetzen. Damit sind die Spiele für uns jetzt auch zu Ende.

Nach einem feucht fröhlichen Umtrunk bis heute Nacht um 2 schliefen wir uns aus. Jetzt habe ich die Rückflüge für das Team gebucht, morgen um 9:00 Uhr Ortszeit verlassen wir das Dorf auf nimmer wiedersehen.

Nun heisst es packen, die Zimmer übergeben und sich von allem zu verabschieden.

Über ein Highlight möchte ich aber noch berichten. Maggi Und Laura, gesponsort von Adidas, wurden samt Entourage ins Adidashaus eingeladen, Schnelltest und Fiebermessen inclusive.

Die hiesige Adidaszentrale befindet sich in einem Hochhaus auf der 45 Etage. Nach einem kurzen Empfang machten die Mädels Fotos für Adidas, während wir in die 47. Etage geführt wurden. Hier gibt es ein Restaurant und eine atemberaubende Aussicht über Tokyo. Am Horizonz ist der Fujujama zu sehen, der ca. 100 km entfernt ist.

Endlich ein Menue serviert zu bekommen, anstatt sich die weitgehend ungewürzten Einzelheiten an unterschiedlichen Staionen in der Mensa zusammenzusuchen, endlich ein Glas Weißwein trinken, aus einem richtigen Weinglas, statt Pappbecher… Da merkt man erst, was einem fehlt.

Heute gibt es einen kurzen Ausflug ins Hilton Hotel, in dem unsere Teammitglieder, die nicht im olympischen Dorf wohnen, untergebracht sind. Der Sportdirektor hat Geburtstag. Also gibt es ein kleines, aber teures Abschlußessen (Burger 33€ :-o).

Dann wird die letzte Nacht kommen, Frühstück, Gepäckabgabe, Zimmerabgabe, eine Tschüß-Runde und dann ist Tokyo für mich Geschichte. Und sehr wahrscheinlich ist damit auch meine olympische Karriere beendet. Zumindest plane ich nach knapp 30 Jahren Leistungssportbetreuung meinen Job als Beachvolleyball-Verbandsarzt an einen Nachfoger zu übergeben.

Ich freue mich auf den Flug nach Hause. Endlich wieder ohne Maske im Freien, endlich wieder Gesichter sehen, vertraute Menschen treffen.

Bleibt noch die 19-5-5 aufzuklären. Es sind die Platzierungen der deutschen Teams. Diese sind für die Zukunft, nämlich die Vergabe der Finanz-Mittel des Innenministeriums an den Volleyballverband entscheidend. Nach 19-17-1 in Rio und 9-5-1 in London ist das ein akzeptables Ergebnis. Es geht hauptsächlich um Medaillen und Platzierungen unter den ersten Acht. Die haben wir geliefert. Ich bin dankbar und ein wenig stolz, Teil dieser Geschichte gewesen zu sein, zweimal Olympiasieger betreut zu haben und Dinge erlebt zu haben, die man für Geld nicht kaufen kann.

Ich hoffe Sie hatten Spaß beim Lesen dieses Blogs. Es wird der vermutlich letzte von mir sein.

Machen Sie es gut!

Ihr Dr. Michael Tank

Aus der Traum

Laura und Maggi bleiben Fünfte

In einem vom Ergebnis her knappen Spiel unterlagen unsere Mädels heute morgen bei Hitze und leichtem Regen im Wechsel den US-Amerikanerinnen Ross/Klineman 19:21, 19:21. Schade, denn bis 15:15 war in jedem Satz alles drin. Als Maggi ihren Aufschlag bei 19:19 videoüberprüfte 2 cm ins Aus setzte und im Gegenzug ihren Ball nicht unterbringen konnte, war der erste Satz weg.

Auch der zweite Satz ging mit gleichem Ergebnis verloren, so dass es nun an die Planung für die Heimreise für das Trio (Trainer, und beide Spielerinnen) geht. Leider haben die Mädels ihre Leistung aus dem Achtelfinale nicht wiederholen können, – es wäre heute mehr drin gewesen.

Was also liegt heute an? Nach der sehr kurzen Nacht – bis 1:00 Uhr die Jungs behandelt, dann klingelte der Wecker um 5:30, um die Mädels auf das oben geschilderte Spiel vorzubereiten, sind wir um 7:00 uhr mit dem Bus ans Venue gefahren und haben dort die letzten Checks gemacht, die Kühlung vorbereitet, die wir für die Spielerinnen benötigen und haben dann am Spielfeld gesessen und das Drama miterlebt. Nun sind Ekke und ich wieder im Dorf und bereiten die Mädels nach und dann kommen die Jungs vom Training und wollen ebenfalls ihre Physioeinheit haben.

Die Jungs trainieren heute mittag in der Hitze, um sich noch besser an die Bedingungen zu gewöhnen. Morgen abend 21:00 Uhr (= 14:00 Uhr deutsche Zeit) kommt es zur Neuauflage des WM Finales vom Rotenbaum 2019. Damals waren die Russen siegreich.

Es wird ein sehr schweres Spiel….

Sollten wir den Sieg schaffen und das Halbfinale erreichen, wären die um 21:00 Uhr oder 22:00 Uhr. Das Match um Bronze ist am Samstag früh um 10:00 Uhr Tokyozeit, das Finale um 11:30 Uhr angesetzt. Warum in der größten Mittagshitze? Weil der in den USA übertragende Sender NBC für die ca. 7,5 Milliarden Dollar, die er für die Fernsehrechte bezahlt hat, auch die Sendezeiten und damit die Ansetzungen bestimmt. Und wenn es um Geld geht, zählt der Athlet nichts.

Sportlich wäre ein Bronzemedaillenspiel um 20:30 Uhr und eine Finale um 22:00 Uhr die bessere Entscheidung gewesen. Auch der Spielrhythmus hätte dafür gesprochen. Alle Männerspiele im Viertel- und Halbfinale sind abends 21:00 Uhr und 22:00 Uhr angesetzt, das Finale soll aber um 11:30 Uhr beginnen- wie doof.

Im kommenden Spiel also entscheidet sich, ob wir bis zum Ende der Spiele bleiben, oder alle vorzeitig nach Deutschland zurückkehren.

Wir dürfen gespannt bleiben.

Rückzugsort: Bett

 

Dass Laura und Maggi in einem spannenden Spiel eine gute Leistung bringen konnten und damit verdient ins Viertelfinale eingezogen sind, dürfte sich rumgesprochen haben. Es war mega spannend und letztendlich verdient. Schade für Agatha, die mit 38 wohl nicht mehr in Paris 2024 antreten wird und die nach der Finalniederlage in Rio nun wieder an Laura gescheitert ist. Als Olympianeunter abzutreten, nach einer solch erfolgreichen Karriere ist sicher enttäuschend. Wir freuen uns auf ein spannendes Viertelfinale gegen die US-Amerikanerinnen April Ross /Alix Klineman. April Ross ist seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich, wurde 2009 schon Weltmeisterin beim Turnier in Stavanger (Norwegen), bei dem auch Jonas Reckermann und Julius Brink, die Sie aktuell im TV hören, gewannen.

Wir hoffen auf einen erfolgreichen Ausgang, der bedeuten würde, dass wir noch mindestens zwei weitere Spiele haben, Halbfinale und je nach Ausgang das Spiel um Gold oder Bronze. Niederlage bedeutet Heimflug.

Das gilt auch für die Männer. Heute 22:00 Uhr Ortszeit, entsprechend 15:00 deutscher Zeit, geht es im letzten Viertelfinalspiel um alles oder nichts.

Sieg bedeutet mindestens Platz 5, Niederlage Platz 9.

Gestern Abend kam Alex Zverev ins Haus mit Goldmedaille. Er wurde natürlich gebührend empfangen und bejubelt. Mit einer dominanten Leistung sicherte er das erste Tennisgold im Herreneinzel der deutschen Olympiageschichte.

Ich habe den Artikel Rückzugsort Bett genannt. Wie schon anfänglich berichtet, ist die Ausstattung hier mäßig. Weil es keinerlei Rückzugsmöglichkeiten gibt, man nicht immer auf dem Plastikklappstuhl im Gemeinschaftsraum sitzen mag, es sonst aber keine bequeme Stelle im Appartement gibt, bleibt einem nur das Bett. Schlafen, lesen, schreiben, Mails checken und beantworten, die Spieler informieren, alles passiert im Bett.

Dass das aus Pappe ist und mit einer dreiteiligen Matratze gepolstert gut zum Schlafen geeignet ist, habe ich schon berichtet. Bettwäsche gibt es alle 4 Tage. Zwei Laken, eines für die Matratze, das andere um darunter zu schlafen, dazu eine Steppdecke mit Tokyo 2020 Aufdruck. Dazu ein Kissen und eine LED-Klemmleuchte. So leben wir hier in unserem Bett. Vor dem Bett gibt es einen Vierfachstecker, allerdings kann man den nur mit Adaptern nutzen. Also ein Vierfachstecker, vier Adapter und dann die 3-4 Ladegeräte, die man für Uhr, Handy, Laptop, Tablet, Kindle etc.  heute braucht.

Das ganze bei Doppelbelegung also zweimal pro Zimmer. Vollständiger Rückzug ist also unmöglich. Jeder sehnt sich hier nach dem Zuhause, der Möglichkeit einmal wieder alleine zu sein, das Bad und das Zimmer nicht mit „Fremden“ teilen zu müssen.

Jeder Sieg verlängert unsere Qualen ;-))….

Nachdem ich nun schon 2 Wochen durchgehalten habe, hoffe ich inständig, dass wir um Medaillen spielen können. Dann komme ich zwar später, aber erfolgreicher heim.

…da waren´s nur noch zwei

Kommen wir zum Punkt. Borger/Sude verloren gegen das niederländische Nachwuchsteam und erreichten Historisches:

Noch nie ist ein deutsches Frauenteam bei Olympia in der Vorrunde gescheitert. Die einzigen, die das aus deutscher Sicht bisher geschafft haben, waren Brink/Dieckmann in Peking. Sie waren damals als Weltranglisten Dritter angereist und sind als 19. aus dem Turnier geflogen. Nun auch Borger/Sude, die allerdings in der Weltrangliste auf 12 stehen.

Die beiden haben uns also heute morgen still und leise verlassen und sitzen zur Stunde im Flieger nach Hause.

Dagegen haben die Jungs heute in der Hitze mit einem überzeugenden Sieg gegen Japan als Gruppenzweiter das Ticket in die K.-O.-Runde gelöst.

Wie geht´s weiter?

Die Auslosung der Damen ergab ein Hammerlos für uns – Agatha/Duda aus Brasilien, aktuell Weltrangslistenerste. Morgen, Sonntag, um 17:00 Uhr Ortszeit spielen die Mädels. Das bedeutet für die Zuschauer in Deutschland: nach dem Sonntagsfrühstück direkt um 10:00 Uhr vor den Fernseher…

Die Auslosung der Männer ergab mit den US-Amerikanern kein leichtes, aber ein interessantes Team, mit dem wir uns in der ersten K.O.-Runde auseinandersetzen müssen. Die endgültigen Spielansetzungen werden mit den TV-Sendern abgesprochen und heute abend irgendwann veröffentlicht.

Der im Falle eines Sieges im Viertelfinale bereitstehende Gegener dürften nach „Aktenlage“ die Weltmeister von Hamburg sein. Damals unterlagen Jukius und Clemens gegen die Russen in 3 Sätzen am Rotenbaum vor 15 000 Zuschauern. Aber zuerst einmal gilt es zu hoffen, dass wir abends und nicht in der Mittagshitze spielen.

Wir hoffen auf mehr als 2 Spiele, die noch vor uns liegen. Ab jetzt bedeutet jede Niederlage Heimfahrt innerhalt von 48 Stunden…

Erster Sieg der Männer

Polen, eigentlich ein Angstgegner unserer Jungs, wurde in einer hochklassigen Partie in 2 Sätzen bezwungen. Taktisch diszipliniert, im Aufschlag zunehmend besser und im SideOut einigermaßen stabil wurde der Grundstein für´s Weiterkommen gelegt. Erst am 31.Juli geht´s für die Jungs gegen Japan weiter. Auch hier ist ein Sieg Pflicht, um sicher in die Runde der letzten 16 zu kommen. Je nach Ausgang des parallelen Spiels von Polen und Italien ist von Platz 1 bis 4 in der Gruppe noch alles möglich. Je besser die Plazierung in der Gruppe, desto vermeintlich leichter wird der Gegener in der ersten K.-O.-Runde.

Laura und Maggi sind durch, und beenden die Vorrunde als Gruppenzweiter. Karla und Juli kämpfen im Spiel gegen die Niederlande morgen in der 15:00 Hitze (> 50°C auf dem Platz!) ums Überleben. Sieg bedeutet die Chance weiter zu kommen, Niederlage heißt unweigerlich Heimreise innerhalb von 48 Stunden.

Was Sie im TV sehen, sind die Eiswürste, die wir aus den weißen Handtüchern basteln und sie den Spielern anbieten. Eiswürfel ins Handtuch gewickelt, das mit Tape zugeklebt, und einmal in Eiswasser getaucht, hält eine Temperatur von knapp Null Grad, wenn wir die Handtücher auf Eis lagern und nur bei den Unterbrechungen ausgeben.

Da am heutigen Mittwoch kein Spiel ansteht, wird Pflege der Spieler(innen) betrieben und etwas traininert. Die Jungs haben 3 Tage frei, Laura und Maggi, je nach Auslosung 5 oder 6 Tage. Da fällt es schwer den Focus und Rhytgmus zu behalten. Auf normalen Turnieren spielt man mindestens einmal täglich, hier maximal alle 2 Tage.

Wir schaffen es an solchen Tagen, auch selbst etwas Sport zu betreiben, etwas mehr zu schlafen, da die Abende nach den Spielen doch bis Mitternacht dauern, wenn die Spieler abends noch ausbehandelt werden, und endlich die Wäsche aus der Wäscherei zu holen.

Wäsche war und ist ein leidiges Thema, eigentlich bei allen Olympischen Spielen, an denen ich teilnehmen durfte. Man bekommt nummerierte Wäschesäcke jeweils für Unterwäsche, Bunt- und Weißwäsche. Diese darf man bis zu Hälfte füllen, weil mehr Wäsche pro Netz sonst nicht zu trocknen wäre. Bedeutet real, dass man 2 Boxershorts in den U-Wäschebeutel bekommt…:-(

Nach 24 Std kann man die Wäsche wieder abholen. Sie riecht zumindest besser, sauber wird sie nicht. Anfänglich war die Annahme und Abgabe der Wäsche so schlecht koordiniert, dass man teils 1 Std und mehr anstehen musste. Insbesondere weil Mannschaften dann einen zum Wäscheholen losschicken, der für alle die Wäsche holen soll, dauerte die Ausgabe ewig.

Inzwischen geht es schneller, aber die Wäsche ist eben einfach nicht sauber.

Ansonsten haben sich alle an den Trott hier gewöhnt. Nach nunmehr 10 Tagen ist für mich auch das Schlafproblem erledigt. Vollmond ist vorbei und wir haben lange Tage – da kann man dann auch ziemlich gut schlafen.

Die Presseauftritte haben wir reduziert, damit die Athleten den Focus nicht verlieren. Erste Athleten anderer Sportarten sind durch und fliegen heim und auch wir wissen, dass es unser Team, je nach Ausgang des Spiels morgen, schnell treffen kann.

Wollen wir hoffen, dass wir das noch ein bißchen hinauszögern können.

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