Erste Runde gespielt…

Nun sind alle im Wettkampf. Den Anfang machten Böckermann/Flüggen, die gegen Polen deutlich verloren. Im ersten Satz fanden die beiden nicht ins Spiel und gingen sang- und klanglos unter. Auch die einfachsten Elemente klappten nicht. Im zweiten Satz setzte sich das zunächst fort, allerdings ließen die Polen ein bisschen nach und Bö/Flü stabilisierten sich. Bei 20:20 kam es zum Gleichstand und eigentlich sprach das Momentum für uns. Aber zwei direkte Aufschlagfehler, die die Verunsicherung unserer Spieler widerspiegeln, ermöglichten den Polen das letzte Break.
Tief enttäuscht zeigten sich die beiden Protagonisten und fanden als Erklärung die Tatsache, dass sie nach der erfolgreichen Qualifikation in Hamburg verletzungsbedingt über 2 Wochen kein Balltraining absolvieren konnten und ihren Rhythmus verloren. Und genauso sah auch das Spiel aus. Automatismen, Dinge über die man aktiv nicht nachdenken muss, klappen auf einmal nicht mehr. Und kleine Ungenauigkeiten häufen sich dann an und erschweren es, den Punkte zu machen. Und natürlich kommt auch Aufregung dazu, wenn man erstmals bei Olympia spielen darf. Aber die hatten die Polen sicherlich auch.
Gestern dann der erste Auftritt von Ludwig/Walkenhorst. Gegen ein ägyptische Team, das sich über eine Afrika interne Ausscheidung für die Spiele in Rio qualifizieren konnte und noch nie vorher auf der Welttour präsent war, war es seit langem wieder einmal ein Spiel gegen eine Mannschaft, von der man keine Videoaufzeichnungen hatte. Die Vorbereitung auf das Spiel lief dementsprechend anders als „normal“. Eine der beiden, erst 18 und 19 Jahre alten Ägypterinnen spielte konsequent mit Kopftuch – auch ein Novum im olympischen Beachvolleyball.
Das Spiel ist schnell erzählt: Die Ägypterinnen zeigten, dass sie das Spiel verstanden haben und wussten, was sie wollten. Ihr Aufschläge waren durchaus konkurrenzfähig und sie spielten angstfrei auf. Am Ende war es klar, dass weder technische Fähigkeiten noch Athletik ausreichen konnten, eine wirklich nicht gut spielendes Team Walkenhorst/Ludwig zu gefährden. Auf unser Team bezogen ist noch deutlich Luft nach oben. Die Eigenfehlerquote war für ein Spiel gegen ein Topteam eindeutig zu hoch, auch Aufschläge können wir besser. Aber es ging darum zu gewinnen und sich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Und das hat geklappt.
Im letzten Spiel trafen Borger/Büthe auf die Schweizerinnen Heidrich/Zumkehr, die vom ehemaligen deutschen Topspieler Christoph Dieckmann trainiert werden. Borger/ Büthe bekamen ihre Nerven nicht in den Griff und ließen sich im ersten Satz verhauen. Im zweiten wurde es zwischenzeitlich etwas besser, aber das Team fand nie in den Rhythmus, konnte keinen Druck erzeugen und machte sich das Spiel mit einen schlechten Annahme ein ums andere Mal selbst schwer. Positive Nebenerfahrung: von 3 Challenges waren 2 erfolgreich.
Für die Leser, die sich nicht so auskennen:

Erstmals kann ein Team eine Schiedsrichterentscheidung anfechten und um eine Videokontrolle bitten. Wenn man also meint, der Block habe den Ball berührt oder der Ball sei, anders als der Schiedrichter ihn entschieden hat, drin oder doch aus gewesen, wenn man glaubt ein Netzfehler wurde übersehen, dann kan man den Videobeweis (Challenge genannt) fordern, Das darf zweimal im Satz passieren. Ist der Einspruch nicht zutreffend, reduziert sich die Anzahl der Challenges, bei zwei unerfolgreichen Videokontrollen kann man in dem Satz keine weitere Challenge nehmen. Bei erfolgreichem Einspruch bekommt man nicht nur den Punkt und den Ball, sondern behält auch das Recht für einen weiteren Challenge. Die Entscheidung, einen Challenge zu verlangen muss innerhalb von 5 Sekunden nach Auftreten des Fehlers passieren. Man kann also nicht einen Ballwechsel fortsetzen und am Ende der Ralley sagen, ich möchte einen Challenge des Blocks vom Anfang des Ballwechsels. Das kann dazu führen, dass ein Spieler einen Ball auffängt und Challenge verlangt (signalisiert durch das Formen eines „C“ mit Daumen und Zeigefinger), während die Zuschauer sich wundern, warum der Spieler nicht weiterspielt.
In der Summe kann man sagen, dass Bö/Flü und Bo/Bü es nun schwer haben, sich auf einen der beiden besten dritten Plätze in den Gruppen zu spielen, die zum Weiterkommen in die k.o.-Runde berechtigen. Nichts ist unmöglich, aber Auftaktsiege beruhigen, und das hat nicht geklappt. Es wird umso schwerer, als beide Teams nicht annähernd gezeigt haben, was sie wirklich können. Aber so ist Sport, man muss zu einem bestimmten Zeitpunkt performen, wenn man das nicht hinkriegt, verliert man.
Heute haben die Jungs gegen die Exweltmeister von 2013 und Weltranglistenzweiten aus den Niederlanden nichts zu verlieren und morgen geht es bei Borger/Büthe, ebenfalls gegen die Niederlande, deren Coach pikanterweise der Lebensgefährte von Laura Ludwig ist, schon um alles.
Was gibt es sonst zu berichten:

Der Präsident des Deutschen Volleyball Verbandes war hier, ich habe ihn durch das Olympische Dorf geführt, damit auch Spitzen-Funktionäre einmal mit eigenen Augen sehen, unter welchen Bedingungen man hier lebt und arbeitet.
Es gibt weiterhin Kommunikationsschwierigkeiten, denn während die Jugend der Welt auf Kanälen wie Whatsapp-Gruppen und Facebook kommuniziert, hat der Teamleiter ein Handy, das ausschließlich zum SMS-tippen und telefonieren reicht. Armes Deutschland…
Ansonsten ist das Loch in der Decke im Eingangsbereich zu unserem Haus weiter nicht geschlossen, es tropft in aufgestellte Eimer, weil die Klempner die Leitungen seit mehreren Tagen nicht abdichten können. Gestern fiel der Strom aus und Fahrstühle steckten bis zu 40 Minuten fest, heute Nacht wurde wegen Reparaturen das Gas abgestellt.
Frisches Brot, täglich vom Deutschen Haus geliefert, macht das Frühstück besser und die Sportler können sich eine Stulle schmieren und müssen an den Wettkampfstätten nicht auf den von den Brasilianern gelieferten trockenen Weißbrotbaguettes rumkauen.
Starke Windböen ließen gestern nicht nur Blumentöpfe umkippen, es fiel auch einer der Sicherheitszäune im Busabfahrtsbereich auf ca. 30 Metern um. Ich glaube, das kann man unkommentiert stehen lassen.

Durch die späten Spielansetzungen, das letzte Spiel beginnt um Mitternacht (sportphysiologisch blödsinnig, aber aus TV-Gründen so angesetzt), verschiebt sich unser Arbeitstag in die Nacht. Wir sind normalerweise 2 Stunden von einem Spiel am Venue, was bedeutet mindestens 3 Stunden vorher den Shuttle aus dem Dorf zu besteigen, der einmal stündlich fährt. Nach dem Spiel müssen die Spieler zunächst den Journalisten Rede und Antwort stehen, dann erfolgen ggf. Dopingproben, so wie gestern bei Karla, die ich begleitet habe und dann erfolgt noch am Veranstaltungsort die „Ausbehandlung“. Unsere Spieler werden nicht nur direkt vor dem Erwärmen VOR dem Spiel physiotherapeutisch und ärztlich eingestellt und gecheckt, sondern auch NACH jeder Belastung, wie Traininig oder Spiel. Das führt dann dazu, dass wir nach einer dann noch folgenden Bussfahrt von einer Stunde (vorausgesetzt der Busfahrer weiß, wo er hin muss – gestern Nacht jedenfalls nicht), weit nach Mitternacht ins Dorf kommen. Spieler, die im Dorf wohnen, gehen dann noch essen (Essen gibt´s 24/7), Funktionäre manchmal auch, und dann geht man schlafen, wenn man kann oder setzt sich noch zu sammen und bespricht die Probleme der Teams.

Leider ist aber morgens die Nacht vorbei. Wenn es hell wird, kann ich schlecht schlafen und stehe auf. Immerhin habe ich ja noch den Job als Teamleiter und Pressattachee. Schlafmangel ist also eines der sich nun aufbauenden Probleme. Wenn zum Turnierende hin weniger Teams im Wettbewerb sind, reduziert sich die Arbeit auch kaum, weil die Spieler, die hier bleiben, natürlich weiter trainieren und gepflegt werden wollen.

Aber das wusste ich ja vorher…

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