Tokyo 202(1)

Die ersten Tage im Dorf

Nach dem Komplettcheck aller Papiere incl. installierter Apps in Hamburg durch Lufthansa ging es nach Frankfurt. Nach knapp 3 Stunden Aufenthalt wurde beim Einsteigen nach Tokyo erneut alles, was schon vorgezeigt war, erneut überprüft. Dabei kann es zu erheblichen Verzögerungen, weil PCR-Tests nicht älter als 72 Std sein dürfen – und zwar minutengenau auf den Abflugzeitpunkt getimed. Und wer z.B. keine Uhrzeit oder eine zu lange Spanne zwischen Test und Abflug hatte, durfte nicht mit… Also ca. eine Stunde in der Schlange stehen und noch mal alles prüfen lassen, dann darf ich ins Flugzeug. Nach rumpeligem Flug mit Turbulenzen über Russland erfolgte die Landung in Haneda, Tokyo. Durchsage: alle sitzen bleiben, es kommt jemand an Bord, der Zettel verteilt.

Nach 10 Min gibt´s ein CoviD-Symptom-Abfrage-Bogen.

Ausgefüllt ist der in 2 Minuten, warten dürfen wir insgesamt 45 Min, bis die „Olympioniken“ nach den „normalen“ Gästen das Flugzeug verlassen können.

Die Sportler – es sind auch Brasilianer Serben, Litauer, Kroaten, Franzosen an Bord, die man alle an den uniformen Sportbekleidungen erkennt – werden in einem Gang gesammelt und gehen dann gemeinsam zum Ankunftsstaffellauf. An neun (!) Stationen werden die Papiere, Bordkarte, PCR-Tests, Fragebögen, Einladungsschreiben und vorläufige Akkreditierung, Reisepass, App-Aktivierung (Ohne Smartphone keine Einreise – wer keins hat, muss eines leihen) etc. gecheckt. Man bekommt einen gelben Laufzettel, der zwischen Olympiateilnehmern und normalen Einreisenden unterscheidet und läuft entsprechende Stationen ab. Incl. Spucktest, mit dem ein PCR-Schnelltest durchgeführt werden soll.

Wenn man diese etwa 3-stündige Prozedur hinter sich gebracht hat, wartet man auf das Testergebnis. Auf einem Display werden die Nummern der ausgewerteten Tests eingeblendet, dann darf man in die nächste Schlange, vor dem Schalter stehen, der einem das Testergebnis schriftlich bestätigt, damit man dann zum Zoll und den Visa-erteilenden Beamten gehen darf.

Ich werde also in einen Wartebereich geführt und wundere mich, dass sonst keiner von den Sportlern auch da ist. Es gibt einen Automaten, an dem man nach nun 3 Stunden theoretisch Getränke kaufen kann – mit Kreditkarte.

Auf dem Display laufen die Nummern quälend langsam durch und befinden sich bei 3256, meine Nummer ist aber 6379. Ich werde nach 1 Stunde ungeduldig und frage mal nach.

Die erste Japanerin holt die zweite, die dann mit dem Chef spricht und in den PC schaut. Dann geht alles ganz schnell. Ich bin „versehentlich“ in die falsche Gruppe aufgenommen worden, weil mein gelber Laufzettel in japanischen Schriftzeichen wohl „normaler Einreisender“ statt „Olympiateilnehmer“ draufstehen hat. Im Galopp geht es dann allen vorbei, meine vorläufige Akkreditierung wird in eine aktivierte umgewandelt und mir um den Hals gehängt, Zoll und Einreise gehen schnell, das Gepäck ist schon seit Stunden neben dem Rollband geparkt und ich darf – in den Warteraum für Olympiateilnehmer. Es gibt immerhin Getränke und ein paar Süßigkeiten und ich darf mit den anderen Sportlern und Funktionären – warten.

Nach etwa 30 Minuten kommt jemand und teilt mir und anderen mit, dass unsere Tests negativ sind und es nun losgehen kann. Wir werden zum Bus geführt – Vorsicht, es gibt welche zum Segler-Dorf, zum Radfahrer-Dorf und zum Olympischen Dorf – am Ende fährt der für mich richtige Bus dann los. 4 Std 53 Minuten von Landung bis Abfahrt – ein durchschnittlicher Wert, zwischen 3 und 7 Stunden ist schon alles vorgekommen…

Wir fahren etwa 20 Minuten zum Olympischen Dorf und – warten. Es sieht linker Hand von außen bei der Zufahrt wie eine Industriebrache aus, ungepflegt und teils rostig. Rechts befindet sich die Fußballschule von Real Madrid – zumindest das Bürogebäude.

Nach 45(!) Min fahren wir die fehlenden 100 m weiter und dürfen austeigen. Die DOSB-Verantwortlichen empfangen uns und bringen uns zur deutschen Unterkunft: Haus 20.

Kleiner Empfang mit Getränken und Snacks, dann werde ich ins Büro geführt und bekomme die Schlüssel für mein Appartement und die aller Beachvolleyballer.

Als Teilmannschaftsleiter bin ich das Mädchen für alles.

DIE ZIMMER

Die Zimmer sind spartanisch eingerichtet, Pappbett (in dem man wirklich gut schläft), ein klappriges Regal als Schrank, je Bewohner ein Stuhl und für alle gemeinsam ein runder Klapptisch. Außerdem hat jeder einen kleinen Nachttisch, der ein abschließbares Fach hat, damit man die Wertsachen wenigstens ein wenig sichern kann. Außerdem hat jeder einen kleinen Wäscheständer.

Wir haben sogar einen Kühlschrank, den aber der DOSB bezahlt, und manche – wir auch- haben einen großen UHD-Fernseher vom Hauptsponsor Samsung. WLAN-Netze gibt es gleich mehrere, eines, das überall auf allen olympischen Arealen funktioniert und eines, das nur in unserem Haus geht.

Ich komme an, suche mir das Zimmer und das Bett aus. Als erster hat man Vorteile ;-).

Nachdem ich die Koffer ins Zimmer gebracht habe, treffe ich mich mit Jogi, dem Ressortverantwortlichen für Beachvolleyball beim DOSB. Wir unternehmen einen Rundgang durch das Haus und die nähere Umgebung (wo sitzt die Medizin, wo gibt es Eis für unsere Athleten, wo sind die Wäscherei, die Polyklinik, der Kraftraum, die Mensa?) und essen schließlich gemeinsam. Nach einem Besuch im Büro des NOK/DOSB ist der Tag dann rum. Restprogramm: Koffer zumindest teilweise auspacken- weil in das Schrankregal sowieso nicht alles passt und dann endlich duschen.

Das Bad besteht aus einer Toilette, einem kleinen Waschbecken und einer Badewanne mit Duschkopf. Alles zusammen keine 2 Quadratmeter groß. Soll für 4, in manchen Zimmern für 6 Personen reichen…. für deutsche Verhältnisse kaum denkbar – im olympischen Vergleich seit 2004: einmalig klein.

Ich schlafe ein und bin mitten in der Nacht wach…

Zur Erinnerung, es sind 7 Std vor deutscher Sommerzeit. Ich erwache zur besten Tagesschauzeit – und nun?

Kindle. Ich fange an, mein erstes Buch zu lesen. Nach etwa 2 Std wird es draußen relativ schnell hell. Ich stehe auf und mache Fotos vom Sonnenaufgang im Dorf. Dann sortiere ich die Vielzahl von Papieren, die in den kommenden Tagen benötigt werden, damit hier alles seinen bürokratischen Gang geht.

Um 7 Uhr öffnet das Mannschaftsbüro und ich bin einer der ersten, der sich nach den CoViD-Tests erkundigt. Am Anreisetag wurde ich ja am Flughafen getestet, nun muss ich täglich einen Speicheltest machen, wie jeder hier.

Die Röhrchen werden individualisiert und mit entsprechenden anonymen Etiketten versehen und müssen bis 8.30 Uhr im Mannschaftsbüro sein, wenn das Ergebnis am gleichen Tag vorliegen soll. Bis 17:30 Uhr abgegeben, bekommt man das Resultat am folgenden Morgen. Allerdings werden nur positive Testergebnisse kommuniziert, wer nichts hört, ist negativ.

Als CLO (CoViD Liason Officer) bin ich dafür verantwortlich, dass meine Mannschaft ihre Proben abgibt, und zwar bei mir. Ich schleppe die dann durchs Haus zum Mannschaftsbüro und von dort bringt eine der CHEF-CLOs die „deutschen“ Proben zum Testzentrum – zweimal täglich. Es gibt Angenehmeres als mit den durchsichtigen Röhrchen rumzulaufen. Zumal die Aufsteck-Trichter für das Befüllen des Röhrchens, die es am Flughafen gab, hier eingespart werden. Man muss also ziemlich genau zielen, um sich nicht auf die Finger zu spucken. Und das, was daneben geht klebt am Röhrchen und seinem Etikett…

Ich bin nur froh, dass man Corona nicht mit „K“ schreibt.

KLO möchte ich nicht sein…

Die anderen kommen – und Lauras erster Sieg

Ich bin einen Tag vor meinem Team gereist, dass heute, Sonntag, eintreffen soll.

Und zwar am Nachmittag oder frühen Abend.

Ich habe die Zimmer vorzubereiten. Kühlschränke anschließen, Getränke besorgen und einstellen, damit die Sportler und Trainer nach Ankunft erstmal versorgt sind. Die Appartements sind bereits zugeteilt, die Zimmerbelegung ist Sache der Bewohner.

Allerdings muss man wissen, dass es sehr wenige Einzelzimmer gibt, einige kein Fenster nach draußen und keinen Balkonzugang haben und sie in der Größe etwas variieren. Es gibt also Zimmer und Betten, die man bevorzugt und welche, wo keiner schlafen will. Durch die frühe Anreise 5 Tage vor der Eröffnung der Spiele und weil ausgeschiedene Athleten und ihre Funktionäre nach 48 Stunden Japan verlassen haben müssen und, im Gegensatz zu allen anderen Olympischen Spielen zuvor, eben nicht feiern und Kontakte knüpfen, sich andere Sportarten ansehen, Sponsoren treffen und Sightseeing betreiben dürfen, ist die Fluktuation im Dorf hoch und die Zimmerbelegung geringer. Was für unsere Teams zunächst bedeutet, dass alle Beachvolleyballer Einzelnutzung ihrer Zimmer haben.

Als die Beachdelegation eintrifft und ich sie nach dem Empfang auf die Zimmer begleite, gibt es bei einem Team Streit. Laura und Maggi können sich nicht einigen, wer welches Einzelzimmer bekommt. Die Entscheidung ist wichtig, weil nur eines ein Außenfenster besitzt und Blick auf den Hafen hat und das andere ein Fenster zum innen liegenden Gang. Und jedem ist klar, welches das schönere Zimmer ist. Es kann nur durch Schnick Schnack Schnuck geklärt werden, ein in der Mannschaft übliches Verfahren J. (Schere, Stein, Papier). Schnick Schnack Schnuck – beide Stein, zweiter Durchgang – Laura Papier, Maggi wieder Stein. Laura feiert ihren Sieg wie einst in Rio.

Ich versammle alle Ankömmlinge für einen kleinen Rundgang, bevor wir gemeinsam zum Essen in die Main Dining Hall gehen.

Essen in Tokyo

Die Mensa besteht aus 2 Ebenen. Auf beiden Ebenen finden sich lange Tischreihen, die alle mit Plexi-Trennwänden in Einzelplätze unterteilt sind. Man sieht sich, aber man hört sich kaum. Unterhaltung ist schwierig – soll sie ja auch sein, weil das böse Virus unter all den negativ Getesteten um sich greifen könnte.

Man wird gebeten sich die Hände zu desinfizieren – das gab es früher bei anderen Spielen auch schon. Dann soll man sich Plastikhandschuhe überziehen. Gar nicht leicht mit gerade feuchten, weil desinfizierten Händen. Und für Menschen mit Händen wie ich – nicht machbar in die Einheitshandschuhe zu passen. Dann nimmt man sich ein Tablett und – oh Wunder – Metallbesteck. In Rio hatten wir Einmal-Besteck aus Bambus.

Was fehlt sind normale Servietten, dafür steht auf jedem der ca. 5000 Sitzplätze eine Spender mit feuchten Desinfektionstüchern.

An unterschiedlichen Ständen stellt man sich an und holt sich sein Essen. Asiatisch, japanisch, Gegrilltes, Halal, vegeratisch, glutenfrei, Pizza/Pasta…

Die Portionen werden ausgegeben auf Papptellern, die Getränke vom Wasser über Limonaden bis zu Fruchtsäften, alle vom Hauptsponsor geliefert, nimmt man sich aus den Kühlschränken.

Es gibt richtiges Brot, dass auch schmeckt, immer frische Früchte, Joghurt, Speiseeis, Kuchen, Müsli. Die Auswahl ist groß. Im Gegensatz zu Rio schmeckt es auch. Kleiner Nachteil, es gibt kaum warme Saucen, keine Salzstreuer an den Tischen, sondern in der Halle versteilt, Stände mit Gewürzen und kalten Saucen (Soja, Teryaki, Mayonaise, Ketchup, Chilisause etc.)

Man muss also sein Essen weitgehend selbst würzen. Leider kann man erst beim Essen am Platz merken, ob das so funktioniert hat, wie es dem individuellen Geschmack entspricht, wenn nicht – mehr Salz oder Pfeffer gibt es nur an diesen Stationen, also muss man wieder hinrennen und anstehen.

Die Mensa ist 24/7 geöffnet und alles wird frisch zubereitet.

Sie ist der Ort, wo man eigentlich Kontakte knüpft und gemütlich zusammensitzt, mutiert aber durch die vorgegebenen Umstände zur Abfütterstation. Gemütlich ist anders, Unterhaltung schwer.

Gerade in der Mensa konnte man früher mit Weltstars an einem Tisch sitzen, Sportler und Funktionäre anderer Disziplinen kennen lernen und Kontakte knüpfen. Das war einer der großen Reize an den Olympischen Spielen und spiegelte den Sinn dieses internationalen Treffens wider.

Erster Besuch auf dem Veranstaltungsgelände

Am Montag fuhren die ersten Busse zum Trainings- und Spielgelände – wenn sie es denn fanden. Der Busbahnhof im Dorf ist nur ca. 200 m vom unserer Unterkunft entfernt. Die Busse folgen einem Plan- meist halbstündlich werden die Venues angefahren. Wenn der Busfahrer diese denn findet. Martin, einer unserer Trainer, erlebte eine Busfahrt, bei der der Fahrer im 3. (!) Anlauf die richtige Zufahrt fand. Weil das mit den online-Reservierungen von Trainingsplätzen und Meeting-Räumen nicht klappt, war er gezwungen, raus zu fahren.

Die schöne Onlinewelt klappt hier vielfach eben nicht so gut. Allerdings sind auch die persönlichen Kontakte schwierig, weil viele der eingesetzten Japaner keine Englisch verstehen und dann immer jemanden suchen, der weiterhelfen kann. Alles sehr bemüht und überfreundlich, aber leider oft inkompetent.

Die Athletenlounge und Umkleiden sind im Großen und Ganzen okay. Organisatorisch gibt es wie immer Probleme, die wir aber in Zusammenarbeit mit den technischen Delegierten, die vom Volleyball Weltverband eingesetzt werden, versuchen zu korrigieren. Dank meiner langjährigen Zugehörigkeit zur Beachvolleyballfamilie kenne ich einige der Entscheidungsträger seit Jahren und habe einige auch schon behandelt. Das macht vieles leichter.

Der Sand ist top, das Stadion riesig, aber leer und es gibt eines nicht: Schatten.

Da im Stadion auch kaum Wind weht, dürften es für uns Betreuer harte Stunden in praller Sonne werden.

Ich treffe beim ersten Training Rüdi, Rüdiger Franzen. Uns verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Wir haben schon Beachvolleyballturniere zusammen gespielt. Rüdiger wurde Schiedsrichter und hat ein olympisches Halbfinale gepfiffen und ist jetzt der leitende Videoschiedsrichter. Er wird im Hintergrund versuchen zu ergründen, ob bei einer strittigen Schiedsrichterentscheidung alles richtig war. Alle Mannschaften können pro Satz zweimal eine Entscheidung des Schiedsrichters unter bestimmten Bedingungen überprüfen lassen. Haben sie Recht bekommen, behalten sie das Recht auf weitere Challenges, wie die Überprüfungen genannt werden, lag der Schiedsrichter richtig, ist ein Einspruchsrecht verwirkt.

Das obligatorische hoch bürokratische Einschreiben dauert knapp 30 Minuten pro Team. Neben Papieren, die wir vorbereitet haben, werden alle von uns verwendeten Kameras mit einem Klebchen versehen und wir bekommen eine Zugangskarte für die Videositzplätze im Stadion. Die Athleten müssen alles vorzeigen, was sie mit aufs Feld nehmen. Die Ausrüstung wird fotografiert und darauf kontrolliert, ob Logos in Form und Größe vorhanden sind, die nicht erlaubt sind. Selbst die Ohrringe der Spielerinnen und ihre Halskettchen werden fotografiert und geprüft.

Ein Spieler, so berichtet Ed aus Kanada, der die Einschreibung und Kontrollen leitet und der bereits seit 1996 außer in Athen bei allen Spielen zuerst als Athlet, nun als Funktionär des Weltverbandes vor Ort war, habe sich das Logo eines Sportartikelherstellers gut sichtbar tätowieren lassen. Er wird es abdecken müssen…. Ed kenne ich als Spieler der Kanadier 1996, aber wir haben uns in seiner Funktionärslaufbahn schon öfter über mehr oder weniger sinnvolle Vorgaben des Verbands bei internationalen Turnieren und Weltmeisterschaften nennen wir es – respektvoll auseinandergesetzt.

Als die Einschreibung ohne Probleme geschafft ist, entspannt sich für mich einiges, die Spieler werden allerdings langsam immer aufgeregter und auch dünnhäutiger.

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